
Es gibt unterschiedliche Wege, die zu Ökologie und Naturschutz führen. Auch die Stimmungslagen auf dem Weg (oder die zu Beginn der Reise) mögen verschieden sein. Über ein Gefühl als entscheidender Motivator wird jedoch in einschlägigen Debatten heute kaum einmal ein Wort verloren (vgl. 18 f.): die „Trauer über den Verlust von Schönem“ (S. 16). Angesichts der Tatsache, dass ästhetische Anliegen während der Anfänge der Ökologie durchaus wichtig waren und sich mit ihnen nachweislich wirkungsvoll Politik machen lässt (vgl. S. 20 f.), muss es befremden, dass Reflexionen darüber gegenwärtig rar gesät sind.
Wiederannäherung an das Ästhetische
Vom Erstaunen über dieses Schweigen und von Trauer über die (schon erlittenen und noch drohenden) Verluste an landschaftlicher Schönheit geht auch der besprochene Essay von Marcel Hänggi aus. Mit Gedanken zu alten Photographien und schwindenden Gletschern sowie zu Gesprächen, die er über ästhetische Fragen geführt hat, nähert er sich dem Thema und versucht, die Ökologie wieder in den Dialog zu führen, den diese einst mit der Ästhetik geführt, dann aber offenbar abgebrochen hatte.
Wie konsensfähig sind landschaftsästhetische Urteile?
Wie bei derartigen Themen üblich, muss sich der Autor der in unserer Zeit wohl unvermeidlichen Frage stellen, ob das Schöne in der Natur „mehr als nur Geschmacksache“ (S. 30) sei. Bemerkenswert ist aber, was er aus dem Gespräch mit dem Landschaftsforscher Marcel Hunziker mitnimmt: Tatsächlich gibt es Landschaften, die kontinuierlich und einvernehmlich als schön erachtet werden: die Savanne (an die sich die meisten unserer Parkanlagen anlehnen) sowie Kulturlandschaften alten Stils (also jene ohne Motorisierung) gelten als landschaftsästhetische Ideale (vgl. S. 30 f.). Dass das eine Ideal die Wiege der Menschheit, das andere der Inbegriff vormoderner Ökonomie ist, verrät uns, wie tief „Nostalgiebilder“ (S. 31) in unser ästhetisches und ökologisches Bewusstsein eingeschrieben sind. Das wird auch an anderen Stellen des Essays immer wieder deutlich.
Ästhetisierung versus Ökonomisierung der Ökologie
Während Hänggi die mangelnde Sensibilität für die mit den ökologischen Krisen unserer Zeit einhergehenden Verluste an Schönheit beklagt, kritisiert er einige Domänen, in denen Ästhetik zwar eine Rolle spielt, aber bloß in den Dienst politischer oder ökonomischer Interessen gestellt wird (vgl. S. 19); ein Beispiel bilden für ihn die zeitgenössischen Formen des Tourismus, die (neben dem Automobil und dem Futurismus) als die wiederkehrenden bêtes noires des Essays fungieren. Eine „Ökonomisierung“ (S. 114) des Schönen in der Natur wird kritisch beäugt, selbst wenn diese in der Form des Diskurses über eine zu bewahrende Ökosystemdienstleistung auftritt (vgl. S. 119 ff.). Auch wenn die Reflexionen dazu nicht immer vertieft werden, ist ihnen eine gewisse Konsequenz zu eigen, die für ästhetische Ethik typisch ist. Eines der referierten Gespräche verdeutlicht, auf welchen Gedanken alles hinausläuft (vgl. S. 37): Was schön ist, ist tendenziell auch ökologisch gut!








