Während zusehends auch die Diskussion um die Krise der Universitäten in die Jahre kommt, hat sich die Forderung nach einer anderen, kritischen Bildung(stheorie) allenfalls in Nischen der Hochschullandschaft eingerichtet. Nur so ist zu erklären, daß nach wie vor die Exponenten ungehemmter Fortschrittsideologie mit (verhältnismäßig gut) bezahlter Beschäftigung rechnen dürfen, während Pädagogen, Sozial- und Geisteswissenschaftler mehr und mehr als graduierte Arbeitslose in die raue Wirklichkeit entlassen werden. Ist human(istisch)e Bildung nicht mehr gefragt? In welchem Verhältnis steht sie zur Wirklichkeit, und was ist von ihr zur Sicherung der Zukunft zu erwarten bzw. einzufordern? Mit diesen Fragen beschäftigten sich zwei Symposien, die 1987/88 an der Gesamthochschule Kassel abgehalten wurden, und deren Ergebnisse in diesem Band zusammengefaßt sind. H. Rauschenberger legt einleitend dar, daß sich "der Sinn der Wirklichkeit in ihrer Deutung erschließt", was für uns schon dadurch zum Problem wird, als sich (zumindest) acht Definitionen von "Wirklichkeit ausmachen Issen. Der "Zerfall des Welt- und Wirklichkeitsbildes" sowie die damit einhergehende Vereinsamung verweisen darauf, daß " die Bildung unserer Wirklichkeit ... nichts anderes als die Wirklichkeit unserer Bildung ist. Um beide zu retten, kommt es u. a. darauf an, "ungedeckte, pseudokommunikative Techniken auf eine überprüfbare Wirklichkeit hin zu orientieren" . In diesem Sinne plädiert etwa J. Kuhnen mit praxisorientierten Vorschlägen dafür, sich mit allen Sinnen auf die Realität einzulassen, "sich mit den Dingen zu befreunden ", zu er-fahren, was heute nur noch zurückgelegt wird; in diese Richtung zielen auch die beiden Beiträge von Josef Weizenbaum, der vor dem Realitätsverlust durch Fernsehen und EDV warnt und zum anderen Techniker sowie -Informationsvermittler in die Verantwortung für die von ihnen entscheidend mitgeprägte Welt einbindet.

In einer erhellenden Auseinandersetzung mit den Thesen von A. Pardutt ("Der epochale Winter". 1984) und H. v. Ditfurths beschäftigt sich J. E. Seiffert v. a. mit der Frage, ob sich angesichts der "schieren Ausweglosigkeit" der Versuch zur ”Anbahnung eines Ethos denn überhaupt noch lohne. "Leib-haftige Bildung ", die in richtig verstandener Aufklärung Geist und Körper, Mythos und Ratio zusammenführt, ist das Thema von H. Dauber, und R. z. Lippe setzt sich kritisch mit der " Therapiewut" unserer Epoche auseinander: sie ist ihm Zeichen dafür, daß sich "die geplante Vergesellschaftung auf die letzten Reste der Überlebensfähigkeit stürzt", während Bildung im eigentlichen Sinne immer ein Prozeß der Selbsterfahrung sei.   Indem Erziehungswissenschaft/er, Philosophen und kritische Naturwissenschaft/er zu Wort kommen, wird mehr als ansatzweise deutlich, mit welchen Defiziten unser Bildungs- und Weltbegriff behaftet ist; zugleich wird aber auch gezeigt, wo Korrekturen nicht nur denk-, sondern auch durchführbar sind.

Bildung und Zukunft. Ist das Universum uns freundlich gesonnen? Hrsg. v. Heinrich Dauber. Weinheim: Dt. Studien verl. 1989. 236 S. (Studien zur Philosophie und Theorie der Bildung; 2)