Maastricht scheint in mehrfacher Hinsicht ein Markstein für Europa zu werden zum einen, weil hier erstmals konkret ein Europa in den Blick genommen wurde, das mehr sein soll als ein großer gemeinsamer Wirtschaftsraum; zum andern, weil der teilweise heftige Widerstand gegen eben diese Absichten bewußt gemacht hat, daß man Einheit nicht dekretieren kann wie Zölle oder deren Wegfall. Die damit zusammenhängenden Fragen auf dem Gebiet des Bildungswesens zu untersuchen, unternimmt nun dieser Sammelband, der 14 Beiträge vor allem deutscher und britischer Autoren enthält. Der Herausgeber steuert eingangs selbst einen grundsätzlichen Artikel bei, indem er anhand geschichtlicher und soziologischer Befunde nachweist, daß europäische Einheit sinnvoll nur auf der Basis der kulturellen Traditionen und ihrer Respektierung angegangen werden kann. Die zwei nächsten Beiträge (Ingo Richter und Ingeborg Berggreen) analysieren die Grundlagen für eine europäische Bildungspolitik in den verschiedenen europäischen Rechtsquellen, zwei weitere (Klaus Schleicher und T. Neville Postlethwaite) versuchen Vergleiche zwischen nationalen Bildungssystemen. Walter Rüegg nimmt die Universalität der mittelalterlichen europäischen   12 Universität als Modell, und Bryon T. Peck stellt die Probleme eurozentrierter Lehrerbildung dar. Die drei folgenden Kapitel erörtern die Europafrage bezüglich des Vorschul-, des Primar- und des Sekundarschulwesens, anschließend geht es um didaktische Grundlagen einer Erziehung zu Europa und um das Problem eines gemeinsamen europäischen Curriculums, wobei entschieden für eine Entwicklung von unten nach oben plädiert wird. Osteuropäische Bildungserfahrungen (Vladimir D. Shadrikov) runden den Band ab, der Herausgeber resümiert nochmals kritisch Fehler der bisherigen, viel zu zentralistischen Politik Brüssels und urgiert demgegenüber die Bedeutung der Regionen. Nicht eine sich aus sogenannten wirtschaftlichen Sachzwängen herleitende Harmonisierung von oben, sondern nur gegenseitige Achtung der Verschiedenheiten kann im Verein mit größerer Durchlässigkeit so etwas wie eine europäische Identität wachsen lassen. Ein Buch, das sein grundsätzliches Ja zur europäischen Integration klar deklariert, aber zugleich kritisch Stellung nimmt und realistische Perspektiven formuliert. Wer immer - ob EG-Befürworter oder EG-Gegner - über die Zukunft der Bildung in Europa diskutiert, sollte es mit Nutzen zur Hand nehmen. W R.

Zukunft der Bildung in Europa. Nationale Vielfalt und europäische Einheit. Hrsg. von Klaus Schleicher. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1993. 316 S., DM 39,- / sFr. 33,- / öS 304,20