Der Tourismus als Gegenstand von Abhandlungen erfreut sich vor allem dann besonderer Beliebtheit, wenn alle, die es betrifft, irgendwo in einem der endlos langen Staus stecken. Die Reiseintensität hat heute einen nie dagewesenen Boom erreicht. Man erwartet bis zur Jahrtausendwende etwa eine Verdoppelung des touristischen Volumens gegenüber 1980. (Denkinger) Von einer technizistischen Warte aus betrachtet wird das Reisen in Zukunft immer leichter, da allein in den USA im Jahr 2002 an die 1000 Passagierflugzeuge in Dienst stehen werden - doppelt so viele wie 1985. (Cetron) Bevorzugt werden Trends in Richtung »action« - eine Reise zum Mond wird das höchste Abenteuer sein -, Abenteuerreisen als Teil von Management-Fortbildungsprogrammen oder »teleconferencing« wird im Zeitalter der Informationsgesellschaft als Geschäftszweig mit breiter Zukunft gesehen. Kritik an bestehenden Tourismusstrukturen und deren negativen Folgen sind gleichzeitig Thema vieler Analysen. Freizeit als frei verfügbare Zeit außerhalb der Arbeitsverpflichtung wird - Denkinger zitiert dazu empirische Erhebungen - wesentlich stärker von einem »Weg-von« als von einem »Hin-zu--Motiv geprägt. Andere Kritikpunkte sind die Kommerzialisierung sozialer Kontakte (Einheimische als Schau- und Fotografierobjekte), die falschen Erwartungen in den und mit dem Tourismus in die -Dritte Welt« (unrealistische Devisenerwartungen, Arbeitsplatzproblematik), aber auch die Monopolisierung von Tourismuskonzernen. »Das schnelle Geld durch den Griff in die fremde Tasche, das Sich-Anbiedern als Reiseführer o.ä. statt einen Beruf zu erlernen und schließlich die Vermarktung des eigenen Körpers durch Prostitution ... sind strukturell bedingte Konsequenzen des Tourismus ... « (Denkinger) Die Erfahrungen mit dem Alternativtourismus sind wenig ermutigend (Steinecke), wenn damit die kleinen Fluchten (räumliche Absonderung) oder Bewusstseinsmäßige Absonderung vom Massentourismus gemeint sind. Seit Anfang der 80er Jahre wird für den sanften Tourismus plädiert als übergeordneten Begriff für alle Formen des Tourismus, die möglichst geringe soziale und ökologische Belastungen auslösen. (Dazu wegweisend: Robert Jungk: Wieviel Touristen pro Hektar Strand? In: Geo 1980,10, S. 154-156.) Der vielfach beschriebene Idealtypus des »neuen Touristen« (Krippendorf/Kramer / Müller) wird als einsichtig, konsumkritisch, genügsam, anpassungswillig, rücksichtsvoll sowie kreativ und lernbereit gesehen. Gefordert wird eine Pädagogik des Reisens (Steinecke), die das touristische Bildungsinteresse als Ansatzpunkt einer touristischen Aufklärungs- und Bildungsarbeit erkennt. Die Welt- Tourismus-Organisation hat in ihrer Manila Deklaration (1980) festgestellt, dass dem Tourismus eine große Bedeutung für den Weltfrieden zukommen könnte. Um die Bestrebungen eines Tourismus für den Frieden zu realisieren, ist eine Weltkonferenz in Vancouver vom 23. bis 27. Oktober 1988 (Cetron) geplant. Dort soll es auch um Modelle für die Tourismusentwicklung in der Dritten Welt gehen.   Erste Beispiele der Realisierung des Konzeptes eines sanften Tourismus sind bei Mäder (Vgl. PZ 3187*100) nachzulesen. Seit 1977 beschäftigt sich der »Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung« mit den Auswirkungen des Tourismus auf Entwicklungsländer und den Alpenraum. Unter dem Arbeitstitel »Man and Biosphere« wird im Rahmen eines UNESCO-Forschungsprogrammes nach den Auswirkungen des Tourismus auf die Umwelt geforscht. Am Beispiel der jüngsten Unwetterkatastrophen in den Alpen zeigt sich, wie vielschichtig die Zusammenhänge sind. Die Diskussion um einen sanften Tourismus wird auch Prognosen über Arbeitslosigkeit und Geburtenrückgang sowie die notwendige Selbstreflexion zum Inhalt haben müssen. Inwiefern »die Teilung der Welt in 'Haves' und „Have-Nots' (Denkinger) eine gleichberechtigte Begegnung der Menschen zulässt, bleibt abzuwarten. Das „Reisen mit Einsicht“ wird auch die Einsicht in die Grenzen des Machbaren beinhalten müssen.

 

Cetron, Marvin J.; Rocha, Wanda: Travel tomorrow - the hospital future. In: The Futurist. 21. Jg. (1987), NT. 4, S. 29-34

Denkinger, Joachim: An der Schwelle zur weltweit mobilen Freizeitgesellschaft? In: Universitas. 1987, Nr. 7, S. 677-688 

Steinecke, Albrecht: Reisen lernen - Lernen durch Reisen. In: Universitas. 1987, Nr. 7, S. 698-704