Dieser "politische Bildungsreport" fühlt sich der Tradition der Aufklärung verpflichtet, formuliert als Zielsetzung die Frage, wie in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und Sozialabbau politische Bildung mit den veränderten ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen umgehen könnte, und sein Grundtenor lautet: Die politische Bildung steckt in einer Krise, die Gründe hierfür sind mannigfach. Neue Ansätze, neue Themenschwerpunkte und v. a. experimentelle Vermittlungsformen werden als notwendig erachtet, sollten nicht auch noch die restlichen Teilnehmerinnen den Fortbildungsveranstaltungen fernbleiben.

Da politische Bildung an die allgemeine gesellschaftspolitische Entwicklung gebunden ist, widmet sich Kapitel 1 der generellen Umgestaltung der Bildungslandschaft durch den neoliberalen Umbau in Deutschland. Michael Schneider liefert etwa eine furiose Zustandsbeschreibung des neuen Kapitalismus. Mit präziser und engagierter Sprache sitzt er über die neue Heilslehre der Globalisierung zu Gericht. "Nicht mehr die Schaffung, sondern die Abschaffung von Arbeitsplätzen erhöht die Produktivität und damit die Rendite und wird von der Börse entsprechend honoriert:' (S. 57) Die Krise der politischen Bildung hat einen externen Grund auch in dem wachsenden Mißtrauen der Bevölkerung in die Politik bzw. in die Politiker selbst, die den Job-Killer-Programmen transnationaler Konzerne wie "hilflose Zauberlehrlinge" (S. 56) gegenüberstehen. In Kapitel 2, in dem die Problemlagen und Themenfelder politischer Bildung skizziert werden, findet sich auch ein von feministischer Perspektive getragener Aufsatz, der nach der Beharrlichkeit männlicher Muster in der bildungspolitischen Arbeit fragt. Die Antwort fällt nicht allzu überraschend aus: In den Führungspositionen der Organisationen dominieren Männer, bei gleichzeitig sich eröffnenden Bruchlinien. So sind Kategorien wie Alltagsorientierung, Lebensweltbezug, Subjektorientierung, Verknüpfung von kognitivem und affektivem Lernen, einstmals als frauenspezifische Ansätze entwickelt, längst in die Theorie und Praxis der politischen Bildung eingeflossen.

Kapitel 3 schließlich enthält den m. E. aufschlußreichsten Beitrag dieses Bandes. Claus Sobott beschäftigt sich mit den neuen Herausforderungen der Informationsgesellschaft. Vorerst analysiert er die fundamentalen gesellschaftlichen Veränderungen, die durch die Neuen Medien vollzogen werden. Es geht ja nicht nur darum, daß hier mit veränderten und beschleunigten Techniken zu hantieren wäre, sondern das Einschneidende ist vielmehr, daß diese Technologie in die Grundstruktur der Gesellschaft selbst eingreift. Neue Kommunikationsmodi (von vielen für viele), neue Gruppenbildungen und Identitäten werden geprägt, eine Verschiebung der Diskussionsforen vollzieht sich, die z.T. die "alten" Zusammenschlüsse wie Parteien, Gewerkschaften etc. obsolet werden lassen. "Wenn der Kampf um möglichst demokratieverträgliche Formen elektronischer Kommunikation nicht von vornherein verloren werden soll" (S.196), dann muß politische Bildung die Informationsgesellschaft zum Thema machen, sich selbst dieser neuen Kommunikationsformen bedienen können und für Maßnahmen sorgen, die eine demokratische Nutzung elektronischer Netzwerke gewährleisten. Sobott fordert von der politischen Bildung daher, "den Menschen Räume zu eröffnen'; auch elektronischer Natur. Hier hat die Innovationsfähigkeit der politischen Bildung die härteste Bewährungsprobe noch vor sich.

A. E.

Arbeit und Leben. Die Rückkehr der sozialen Frage. Zur Aktualität politischer Bildung. Hrsg. v. Arbeit und Leben DGB/VHS Landesarbeitsgemeinschaft NW Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl., 1998.222 S. (Politik und Bildung; 14) DM / sFr 34,- / ÖS 248,-