Immer dann, wenn Fragen wie das Embryonenschutzgesetz, die Bioethik-Konvention. Organspenden, würdiges Sterben oder Todesstrafe zur Debatte stehen, berufen sich Gerichte, Parteien, Verbände und Organisationen gerne auf die Menschenwürde. Schließlich ist diese sowohl in der Charta der Vereinten Nationen als auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. In der Praxis allerdings, so der Philosoph Franz J. Wetz, ist davon nichts zu spüren. "In unserem Jahrhundert kennt die von Menschen bewirkte Not und Qual keine Grenzen; man nennt es daher oft das blutigste und brutalste der abendländischen Geschichte." (S.7f.) Und überhaupt, haben tatsächlich alle Menschen, nur weil sie Menschen sind, die gleiche Würde?

Der Begriff "Menschenwürde'; so vermutet Wetz, ist ein "bloßer Sprachfetisch, ein Orakel, das im Anrufungsfall zwar sofort zur Stelle ist und besonnene Gemüter auch in ehrfürchtiges Schweigen versetzt, das aber als Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit doch nur dunkle Sprüche bereithält" (S. 11). Deshalb geht es ihm zunächst darum, eine gut begründete, allgemeingültige Bestimmung der Würdeidee zu entwickeln, die dem Pluralismus und der multikulturellen Weltöffentlichkeit gerecht wird. Ausgehend von einer Auseinandersetzung mit den geistesgeschichtlichen Quellen und Grundlagen zeigt sich der Wandel in verschiedenen Epochen, in denen immer neue Anläufe der Auslegung und Begründung gemacht wurden. Lange war Menschenwürde entweder ein religiös-metaphysischer Seins- oder ethisch gebundener Vernunftwert, bis er schließlich im 20. Jahrhundert verfassungsgeschützter Rechtswert wurde.

Für den Autor ergibt sich aus der Analyse, daß in einer pluralistischen Gesellschaft mit zunehmend naturwissenschaftlichem Weltbild nur noch ein weltanschaulich neutraler Gebrauch des Ausdrucks Menschenwürde im Sinne eines Gestaltungsauftrags in Frage kommt. "Auf alle Fälle darf der weltanschauungsneutrale Staat seinen Bürgern keine Lehre von der Heiligkeit menschlichen Lebens vorschreiben, sondern sollte die Beantwortung dieser Frage ihnen selbst überlassen:' (S. 341f.) Dies allerdings dürfte der weiteren Diskussion um die Würde des Menschen Tür und Tor öffnen.


A. A.

Wetz, Franz J.: Die Würde der Menschen ist antastbar. Eine Provokation. Stuttgart: Klett-Cotta, 1998. 440 S., DM / sFr 48,- / ÖS 350,-