Während die einen die Arbeitslosigkeit durch Kostenentlastung der Wirtschaft, Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse sowie bessere Innovationsbedingungen verringern wollen - sie stellen derzeit wohl die Mehrheit -, fordern andere ein Ende der Lohnzurückhaltung, um die Massenkaufkraft zu stärken. Wieder andere plädieren für Bürgerarbeit in einem dritten Sektor, um mehr Beschäftigung zu schaffen.

Der Ökonom Volker Hallwirth - er ist seit 1984 Referent im deutschen Bundesministerium für Wirtschaft spricht nicht nur von "neuer Vollbeschäftigung'; sondern greift hierfür - was ebenso aus der Zeit zu sein scheint - auf John Maynard Keynes zurück. Dessen Ansatz sei fälschlicherweise auf Staatsinterventionismus und "deficit spending" reduziert worden und hierfür auch in Mißkredit geraten. Keynes habe wohl die Nachfragestimulierung in den Vordergrund gerückt, dabei jedoch insbesondere eine Abstimmung von Lohn- und Geldpolitik gefordert, so Hallwirth. Diese Abstimmung aktualisiert der Ökonom in seiner "goldenen Regel der Beschäftigungspolitik" (S. 120): Um inflationistische (Preisanstieg) wie deflationistische (Nachfragerückgang) Tendenzen zu vermeiden, gelte es, Lohnzurückhaltung mit expansiver Geldpolitik (öffentliche Nachfragestimulierung) zu verbinden. Nur wenn die Lohnerhöhungen unterhalb der Produktivitätsfortschritte blieben, könne Investitionskapital zur Verfügung gestellt werden. Die Hauptrolle für Beschäftigungspolitik liegt für Hallwirth daher bei den Gewerkschaften und der Notenbank.

Der Finanzexperte plädiert auch für eine radikale Umstellung des Steuersystems, welches der Zukunftspräferenz gegenüber der Gegenwartsorientierung den Vorzug gibt. Konkret hieße dies Abschaffung der Unternehmenssteuern und -abgaben (da beides über die Preise und Löhne ohnedies wieder auf die Arbeitnehmer umgewälzt würde und überdies die internationale Wettbewerbsfähigkeit verringere); dafür strikte Umstellung auf Konsumsteuern sowie stufenweise auf Steuerfinanzierung der Sozialleistungen (einschließlich eines allgemeinen Bürgergeldes sowie einer negativen Einkommenssteuer). Der Ökonom plädiert überdies für die Beteiligung der Arbeitnehmerinnen am Produktivvermögen durch sogenannte Investivlöhne (ein Teil des Lohnes wird für Investitionen verwendet) sowie für eine marktwirtschaftliche Umweltpolitik durch Ökosteuern und Zertifikate.

Hallwirth ist von der Möglichkeit nationaler Wirtschaftssteuerung auch im Zeitalter der Globalisierung überzeugt. Er legt eindrucksvoll dar, daß nur Chancengleichheit und die breite Streuung von Einkommen stabile Wirtschaftsstrukturen erhält. Die Überzeugung, daß höhere Investitionstätigkeit nach wie vor mehr Beschäftigung schaffe, mag jedoch in Zeiten des "jobless growth" den entscheidenden Denkfehler des Buches ausmachen.


H. H.

Hallwirth, Volker: Und Keynes hatte doch Recht. Eine neue Politik für Vollbeschäftigung. Frankfurt/M. (u. a.): Campus-Verl., 1998. 243S., DM 48,- / sFr 46,-/  ÖS 350,-