La Chaux-de-Fonds, im September 2008

Zu Beginn einer Tagung über wirtschaftliche Probleme und Perspektiven der Schweiz, zu welcher die Vereinigung der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren und das "Netzwerk Jura" geladen hatten, zeichnete Frau Lagrange, eine couragierte Ökonomin, ein kontrastreiches Bild mit düsterem Akzent. Marginales Interesse der Bevölkerung an politischen Angelegenheiten stellte sie wachsender Selbsttätigkeit gegenüber, die sich neuerdings in erfolgreichen Alternativbetrieben äußert, welche nicht primär an materiellem Gewinn orientiert sind. In Anbetracht des deutlich wachsenden Regionalismus - eine Tendenz, von der schon seit etwa 30 Jahren gesprochen wird -, stellte die Referentin die für viele Ohren provokante Frage, ob denn die Eidgenossenschaft vor der Auflösung stehe.

Deutlich freundlichere Akzente setzte der Geschäftsführer des "Netzwerkes Jura", das um die Jahrtausendwende gegründet wurde, um die Strukturkrise nach dem Stillstand der Uhren(industrie) durch gemeinschaftliche regionale Selbsthilfe zu überwinden. Er berichtete, wie durch die Erzeugung von Qualitätsprodukten bis zur Vermarktungsstufe, die Förderung kleiner unabhängiger Betriebe mit hohem innovatorischem Potential und den Ausbau autonomer Arbeitsformen neue Solidarität unter Menschen wachsen konnte, die sich noch vor wenigen Jahren als Konkurrenten im Kampf um Marktanteile gegenüberstanden. Irrfahrten auf dem Weg zur flexiblen Automatisierung waren das Thema eines weiteren Referats. Der Produktionsleiter einer Maschinenbaufirma machte darauf aufmerksam, daß die Rationalisierungsgewinne durch Computer-unterstützte Planung und Produktion (DAD, CAP, CAM) viel geringer waren als man zu Beginn angenommen hatte.

Auch die integrierte Produktion, CIM, schränkte die Produktion auf Standardmodelle ein und behinderte die flexible Ausarbeitung individueller Kundenwünsche. Erst als man lernte, den Menschen nicht als (potentiellen) Störfaktor zu sehen, sondern die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine in autonomen „Produktionsinseln" zuließ, konnten Arbeitsinhalte ausgeweitet und die Motivation aller Beschäftigten gesteigert werden.

Einem Rückblick auf die dominanten Konzepte zur Arbeitsgestaltung in der Industriegesellschaft sowie konkreten Beispielen der Strukturveränderung im Bankensektor (v. a. den Folgen wachsender Teilzeitarbeit) waren weitere Beiträge gewidmet, zwischen denen man auch Zeuge einer lebhaften Diskussion mit dem Auditorium werden konnte.

Von den Arbeitskreisen des Nachmittags hinterließ die Gruppe "Wirtschaftsstile und Arbeitsmoral" den nachhaltigsten Eindruck. Hier wurde weniger über Arbeitszeiten, -formen und -plätze gesprochen, sondern der Wert der Tätigkeit selbst hinterfragt. Um den subjektiven Charakter der Arbeit gegenüber der objektiv(ierbar)en Beschäftigung wieder in den Vordergrund zu rücken, soll die lebendige Kommunikation über das geschriebene Wort gestellt und der Ästhetik - auch im Arbeitsprozeß - bereitwillig Raum zur Entfaltung gegeben werden.

Im Gespräch mit "fünf ergrauten Gelehrten" war festzustellen, daß deren Prognosen aus der Sicht des Jahres 1988 mit Bedacht formuliert waren. Wer sich an die wirtschaftlichen Probleme der Jahrhundertwende erinnert und zudem bedenkt, welch breites Spektrum sich zwischen gewagter Utopie und bloßer Fortschreibung des Gegebenen auftut, der wird dieser Studie ein gutes Zeugnis ausstellen. Bleibt festzuhalten, daß Willy Bierter, einer der anwesenden Gesprächspartner, schon 1986 einen Bericht von einer "Alternativen Wirtschaftskonferenz" im Jahre 2003 vorgelegt hatte, der nicht nur die Aufmerksamkeit des Historikers verdient. Interessenten seien verwiesen auf: Willy Bierter: Mehr autonome Produktion - weniger globale Wertbänke. Karlsruhe: Verl. C. F. Müller, 1986.184 S. (Alternative Konzepte, Bd.55)

Keine Zukunft für lebendige Arbeit? Ein Szenario von Willy Bierter, Susanne Hagemann, Rene Levy u. a. Zürich: Verl. d. Fachvereine a. d. Schweizer. Hochschulen und Techniken. Stuttgart: Poeschel 1988. 172 S. DM 29,80/ sfr 24,90 / öS 229,50