Jahrbuch Dritte Welt 1998: Daten – Übersichten – Analysen

Das Phänomen “Reichtum”, dem im einleitenden Beitrag der Herausgeber die Aufmerksamkeit gilt, erweist sich im Kontext Dritte Welt als Stiefkind der Forschung. Die empirische Annäherung der Autoren verweist auf die Tendenz der Herausbildung einer marktorientierten, staatsunabhängigen Gesellschaftsschicht in den Ländern des Südens, die freilich regional höchst unterschiedlich verläuft. Wie schon im Jahrbuch 1997 wird das Problemfeld Demokratisierung thematisiert. Andreas Mehler setzt sich kritisch mit Einwänden gegen die Entwicklungschancen demokratischer Reformen in Afrika auseinander. Wenig Zustimmung findet in diesem Zusammenhang das von Rainer Tetzlaff im gleichen Band vertretene Diktum von der “verfrühten Demokratie”, wonach also Wahlen – quasi vorhersehbar – im Sinne legitimatorischer Strategien der herrschenden Eliten instrumentalisiert werden. Genau besehen erweist sich die Mehlersche Auseinandersetzung mit den “reaktionären” Thesen der Dernokratisierungsskeptiker als durchaus zeitgeistig; zählt doch dessen Verzicht auf Generalisierung im Rahmen “großen Theorien” längst zum entwicklungstheoretischen Mainstream.

Mit der Gemeinschaft St. Ägidius als Beispiel nichtstaatlicher Friedensvermittlung und Rußlands Beziehungen zur Dritten Welt beschäftigen sich die überregionalen Beiträge. Daß für ersteren ein Repräsentant jener scheinbar zu analysierenden christlichen Vereinigung verpflichtet wurde (Mario Giro), kann wohl nicht als Bemühen der Herausgeber um kritische Distanz gewertet werden. Einen weiten Bogen – von Angola bis Zaire – spannen die Länderbeiträge, deren Autorinnen sich durchwegs als profunde Kenner der Materie ausweisen. Mit den Bemühungen um eine panamerikanische Freihandelszone, mit Gefährdungspotentialen im nahöstlichen Friedensprozeß sowie mit Problemen der Regionalmacht Südafrika nach dem Fall des Apartheidregimes befassen sich die Beiträge der Kategorie “Süd-Süd-Beziehungen”. An der Gestaltung des Jahrbuches sind generell die oft spärlichen Literaturangaben und das Fehlen von Quellenangaben, auf die sich die Darstellungen aktueller Entwicklungen stützen, zu bemängeln. Eine dem traditionellen Politikverständnis verhaftete “Chronik der wichtigsten Dritte-Welt-Ereignisse” sowie ein übersichtliches Gesamtregister (1983-1998) beschließen den Band.
G. S.

Jahrbuch Dritte Welt 1998. Daten – Übersichten – Analysen.  Hrsg. v. Joachim  Betz … München:  Beck,  1997. 316S., DM 24, – / sFr 22, – / öS 175,-

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