Ist eine weibliche Geschichtsschreibung möglich?

Französische Historiker/innen setzen sich hier mit den Bedingungen und Problemen einer Geschichtsschreibung für Frauen auseinander, die natürlich alle im Kontext der französischen Historiographie (kurz charakterisierbar mit Begriffen wie Mentalitäten- und Alltagsgeschichte) zu lesen sind. Wie Arlette Farge in ihrer Analyse der wichtigen Zeitschriften ”Annales” und “Histoire“ aufzeigt, ist der Anteil der Frauen an der Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen allerdings auch in Frankreich sehr gering. Einige Aufsätze widmen sich methodologischen Problemen, andere resümieren die Ergebnisse exemplarischer Studien. Yvonne Knibiehler stellt die traditionelle Chronologie und Periodisierung der Geschichte in Frage, Jaques Revel beleuchtet die Rolle der Geschlechter in der Geschichtsschreibung. Sylvie Van de Casteele-Schweitzer und Daniele Voldman reflektieren die Chancen und Defizite der mündlichen Quellen, für die sich gerade die Historikerinnen angesichts des Nichtvorhandenseins von Frauen in den schriftlichen Quellen oft kritiklos begeistern. Die Bedeutung der Frauen in der Phantasiewelt und ihre Reduzierung auf den Körper wird in mehreren Beiträgen thematisiert, so etwa bei Elisabeth Ravoux-Rallo und Anne Roche, die in literarischen Texten aus dem 19. Jahrhundert den männlichen Blick auf den weiblichen Körper analysieren. Alain Corbin versucht in seinem Beitrag am Beispiel der Prostitution die kulturell vorgegebenen und sich jeweils ergänzenden Rollenstereotypien beider Geschlechter darzustellen und Michelle Perrot zeichnet den Ausschluß der bürgerlichen Frauen aus der öffentlichen Sphäre und ihre nur mehr indirekte Macht in der Familie im Laufe des 19. Jahrhunderts nach. Alle Beiträge des Bandes machen deutlich, daß den Frauen kein besonderes Territorium der Geschichte zusteht und daß es vielmehr darum geht, wie Michelle Perrot in ihrem Vorwort schreibt, “die Richtung des historischen Blicks zu ändern, indem das Geschlechterverhältnis in den Mittelpunkt gerückt wird”.  

Ein Buch, das die Differenzen zwischen französischer und deutschsprachiger Historiographie verdeutlicht und zu fruchtbarer Diskussion anregen könnte.

 

Geschlecht und Geschichte. Ist eine weibliche Geschichtsschreibung möglich? Hrsg. v. Michelle Perrot. Frankfurt: Fischer, 1989. 252 S.

 

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