Galbraiths Plädoyer für eine moderne soziale Marktwirtschaft

“Dieses Buch beschreibt die solidarische Gesellschaft, die realisierbar ist” (S. 14), gibt sich John Kenneth Galbraith, der Nestor US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaft, zuversichtlich. Er zeichnet in großen Zügen – es sind 18 Themenbereiche der Wirtschafts- und Außen- sowie Sozial- und Umweltpolitik – das Bild einer “solidarischen Gesellschaft”: Diese “muß all ihren Bürgern persönliche Freiheit, Befriedigung der Grundbedürfnisse, rassische und ethnische Gleichberechtigung und die Chance zu einem erfüllten Leben gewährleisten. Nichts versagt dem einzelnen so radikal jegliche Entfaltungsmöglichkeit wie die völlige Mittellosigkeit oder beeinträchtigt sie so sehr wie relative Einkommensarmut” (S. 14). Sozioökonomische Krisen, so Galbraith, haben seismographische Wirkung, da sie die Krisenherde und sozialen Klüfte unserer kapitalistischen Volkswirtschaften klar ans Tageslicht fördern. Die Vorstellung klassisch (neo)liberaler Volkswirtschaftslehre von einem selbstregulierenden Markt, der bei Expansionskurs die “soziale Frage” mit lösen könne, kommt einer Illusion gleich, die ganz offensichtlich dem Druck der Realität nicht standhält. Denn, so Galbraith: dem “homo oeconomicus” mangelt es an sozialer Verbundenheit. Die ungerechte Verteilung des erwirtschafteten Reichtums äußert sich in Arbeitslosigkeit, Gewalttätigkeit, Drogenmißbrauch oder psychischer Deprivation – vor allem der Nicht-Wohlhabenden.

Galbraith klebt in seinen Ausführungen nicht am faktisch Vorgefundenen, indem er bloß beschreibt; er entwirft das verwirklichbare Gegenbild samt dazugehöriger konkreter Implementierungsvorschläge. Er reflektiert auf “das Richtige’; wobei ihm die Unterscheidung von Idealem und Machbarem bewußt ist. Es geht dem versierten Wirtschaftswissenschafter um den “sozialen Kitt’; der die zentrifugalen Kräfte unseres gewinnorientierten Nutzdenkens korrigiert und eindämmt da diese den Zusammenhalt unserer Gesellschaft bersten lassen. Weder Privatisierung um jeden Preis noch ein sozioökonomischer Dirigismus “von oben” sind in der Lage, dieses Problem zu lösen. Denn Kapitalismus und Sozialismus sind gleichermaßen Doktrinen und Ausdruck intellektueller Trägheit. In einer wahrhaft solidarischen Gesellschaft gehe es hingegen um den Einzelfall, auf den nach sorgfältiger Abwägung der sozialen und wirtschaftlichen Vor- und Nachteile die politischen Entscheidungen zu treffen sind.

Galbraiths ausgezeichneter Sprachstil ist typisch für die anglo-amerikanische Wissenschaftstradition. Auch in deutscher Übersetzung gelingt es ihm, dem Leser eine komplexe Materie analytisch-differenziert, verständlich und zugleich auch spannend darzulegen.
M. O.
Galbraith, John Kenneth: Die solidarische Gesellschaft: Plädoyer für eine moderne soziale Marktwirtschaft. Hamburg: Hoffmann u. Campe, 1998. 160 S., DM /sFr 39,80 /ÖS 291,-

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