Ein Sonderband des Merkur beschäftigt sich mit dem „Wir?“ Im Untertitel wird die Frage nach Formen der Gemeinschaft in liberalen Gesellschaften gestellt. Dieter Grimm sucht zu Beginn des Heftes nach dem, worauf sich der Zusammenhalt moderner Gesellschaften stützen kann. „Werte“ allerdings lassen sich heute nicht mehr begründen, auch seien sie nicht mehr notwendig, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Dazu gibt es zum Beispiel das Verfahren demokratischer Meinungs- und Willensbildung, von dem Habermas spricht. Aber ist nicht die Akzeptanz der Ergebnisse des Prozesses, sind nicht Rechtstreue und Rechtsgehorsam ihrerseits Werte?

Mit Luhmann könnte man auch auf die Zwänge verweisen, denen Handelnde in den verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssystemen unterworfen sind. Legitimation entsteht nach Luhmann durch Verfahren, durch die administrative und judikative Kleinarbeitung des Widerspruchs. Aber kommen Werte nicht im Subsystem Politik wieder zu Bedeutung, wenn sie in Wahlkämpfen ein Faktor sind?

Ralf Dahrendorf sieht den Zusammenhalt durch Zwangsmittel gewährleistet; um die Liberalität des Systems zu erhalten, begrenzt er deren Einsatz auf die destruktiven Elemente des Konflikts. Was erklärt aber, warum diese Möglichkeit, Zwang anzuwenden in manchen Staaten und zu manchen Zeitpunkten missbraucht wurde, und in anderen nicht? Kommen nicht auch hier wieder Werte als entscheidender Faktor der Gemeinschaft zum Vorschein?

Grimm erkennt für Deutschland das Verfassungsrecht als „Wertspeicher“, der Integration leistet. „Verfassungspatriotismus ist in Deutschland kein leeres Wort. Bedroht wird diese Konsensquelle aber dadurch, dass sich immer mehr politische Entscheidungen von größter Tragweite dem Zugriff der Verfassung entziehen, weil sie auf der europäischen Ebene fallen, der es jedoch gerade an demjenigen Integrationspotential, dessen solche Entscheidungen bedürfen, fehlt.“ (S. 871) Der Band beleuchtet das Thema von vielen Seiten, 23 Texte greifen die Fragen in verschiedenen Kontexten auf.

Wir? Formen der liberalen Gesellschaft. Merkur. Hrsg. v. Christian Demand. Stuttgart: Klett-Cotta, 2013. 226 S., € 21,90 [D], 22,60 [A], sFr 30,70 ISBN 978-3-608-97143-9