Vorbilder & Nachbilder

Ausgabe: 2001 | 4

Buch über die weiblich-österreichische MedienszeneDie Ausgangslage war denkbar schlecht: 1970 gab es  in allen liberal demokratischen Ländern der spätkapitalisti-schen Welt eine aktive Frauenbewegung – mit drei Ausnahmen: Island, die Schweiz, und: Österreich. Dass sich ob derartiger struktureller und inhaltlicher Defizite öster-reichische Videokünstlerinnen dennoch erfolgreich durchzusetzen vermochten, dokumentiert „Vorbilder & Nachbilder“. Das lag und liegt vor allem an einer Protagonistin: dem „medialen Urknall“ Valie Export. Was sich in dieser Kunstsparte in den letzten drei Dekaden in der Alpenrepublik entwickelt hat, greift immer auch auf die Pionierarbeiten dieser mittlerweile international bekann-ten Künstlerin zurück. Anja Hasenlechners Buch doku-mentiert ein wichtiges Stück österreichischer Video-Zeitgeschichte: Die Pioniergeneration in den 70er Jahren - hierfür stehen Namen wie der Valie Export oder Friede-rike Petzold  - mit den inhaltlichen Schwerpunkten Repolitisierung der Künstler, Betonung von Prozessualität, und intensive Arbeit mit und über den weiblichen Körper.

Die 1980er Jahre stehen für die selbstreflexive Phase mit Schwerpunkten wie dem Verhältnis Individuum und Massenmedien, Mechanismen des Fernsehens, Manipulationsmöglichkeiten der Werbung, allgemeine Medientheorie, Interaktivität - und mit Ruth Schnell, Anna Steiniger und Ilse Gassinger einer neuen Generation von Künstlerinnen, deren bevorzugte Arbeitsweise eine kollektive war. Die „zweite Phase“ in den späten 80er Jahren war von technischen Entwicklungen wie der digitalen Bildbearbeitung und der Erweiterung des virtuellen Raums durch das Aufkommen des World Wide Web gekennzeichnet – mit der logischen Erweiterung der Ausdrucks- und Verfremdungsmöglichkeiten.

In den 90er Jahren war Video eine akzeptierte Kunsttechnik – auch MTV sei´s gedankt. Künstlerisch erweiterte sich das  Medium um unterschiedliche Formate und medientheoretische Methoden: Installationen, Videoskulpturen, interaktive Environments, Performance, Sound, digitale Fotografie, Computer und Netzkunst und dem Grenzbereich Video–Performance, Tanz und Musik.

Das Buch ist eine wichtige inhaltliche Ergänzung in der aktuellen Gender Diskussion: Frauen haben wesentlich zur inhaltlichen wie formellen Entwicklung der Medienkunst in Österreich beigetragen. Einem knapp skizzierten historischen Abriss, der dennoch detailliert auf die einzelnen Produktionen eingeht, folgen im zweiten Teil umfassende Dialoge mit 11 Produzentinnen. Wünschens-wert wären allenfalls ein Glossar, Web-Links und ein Layout, das dem Thema Medienkunst auch gerecht wird. Ob „Vorbilder & Nachbilder“ zu einem „Standardwerk“ über die weibliche österreichische Medienszene werden wird, wird sich zeigen. Th. R.

Bei Amazon kaufenHasenlechner, Anja: Vorbilder & Nachbilder. Positionen österreichischer Künstlerinnen zu neuen Medien. Wien: Triton-Verl., 2001. ca. 176 S., € 18,41 / DM 36,- / sFr 35,- / öS 260,-