Für Edward Whitmont lassen sich die Mißstände unserer Gesellschaft auf die Verdrängung des Weiblichen zurückführen. Die Unterdrückung der erdhaften, instinkthaften und sinnlichen Aspekte in den letzten fünftausend Jahren der kulturellen Entwicklung des Westens haben zu einem hohen Ausmaß an Gewalt und Zerstörung und einer Entfremdung von der Natur geführt. Whitmont, die Gedanken C.G. Jungs fortführend, sieht in der "Wiederkehr der Göttin" die Möglichkeit für eine Veränderung des bisherigen Weges. Der Autor gibt einen Überblick über die drei Phasen der Evolution des Bewußtseins, der magischen, der mythischen und der mentalen, die seiner Auffassung nach alle in unserem Bewußtsein tief unter der Oberfläche vorhanden sind. Im dritten Teil untersucht er wichtige patriarchale Mythen (die göttliche Königsmacht, der Tod Gottes, der Sündenbock), mit deren Hilfe sich das Patriarchat an der Macht hielt, und die es zu überwinden gilt. Als Mythos für unsere Zeit, der geeignet ist, die "Wiederkehr der Göttin" in ritualisierter Form zu fördern, wird der Gralsmythos begriffen. In ihm symbolisiert sich die Suche nach Befreiung, die Suche' nach dem Sinn des Daseins, die Hoffnung auf ein neues goldenes Zeitalter. Die Berufung auf den Gralsmythos durch Hitler und den Nationalsozialismus begreift Whitmont, der 1938 von Wien in die USA emigrierte, als Perversion, die nichts an der zentralen Bedeutung des Mythos ändert. Die "Vision für ein neues Zeitalter" ist ein Plädoyer für die Integration des Männlichen und Weiblichen in die Psyche jedes Individuums. Whitmont, der als analytischer Psychotherapeut arbeitet, sieht im Spielen und insbesondere in Rollenspielen neue Rituale, die den Menschen eine Hilfe für die Aneignung der positiven und negativen Kräfte sein können. Das Buch ist ganz den Theorien C. G. Jungs verpflichtet, bietet aber keine Thesen, die darüber hinaus gehen. Der individualpsychologische Erklärungsansatz für die Geschichte der patriarchalen Gesellschaften und die Hoffnung auf Veränderung in der" Wiederkehr der Göttin" kann nur C. G. Jung-Anhängern einleuchten, für andere sind die ahistorischen dichotomischen Bestimmungen des Männlichen und Weiblichen mehr als ärgerlich.

Whitmont, Edward C.: Die Rückkehr der Göttin. Von der Kraft des Weiblichen in Individuum und Gesellschaft. München: Kösel, 1989.301 5.