"Aber was ist das für eine Krankheit, unter der die _anderen leiden und der Kranke nicht?" Ingeborg Bachmann, eine sensible und zugleich auch vehemente Kritikerin patriarchalisch-faschistoider Verhaltensmuster, hat mit dieser Frage einen wesentlichen Aspekt des Heldischen benannt. Und doch wächst die Zahl der besorgten und zornigen Mahner, die sich gegen diese Krankheit wehren, weil sie ihr begegnen wollen: Frauen vor allem, aber auch Männer erkennen zunehmend, daß Wissen, (vorgetäuschte) Selbstbeherrschung, Macht und Kontrolle über Natur, Mitmensch und das eigene Ich nicht länger nur als Tugend und dominierende Werte angesehen werden dürfen, neben denen Schwäche, Zweifel und Gefühle unterdrückt 'werden. Um vor allem Frauen aus der tradierten und vielfach auch selbstgewählten Rolle als ”treuer Begleiterin des Mannes, als nährender Mutter, als femme fatale, als femme inspiratrice, oder von der des ewigen hilflosen Kindes an der Seite des starken Mannes" zu befreien plädiert Raffay für die bewußte Annahme des "Dunklen Weiblichen". Von den Männern seit jeher gefürchtet und verdrängt, ist das naturhaft Unterirdische, Magische eine Kraft, die Frauen zu neuem Selbstverständnis und Bewußtsein führen könnte. Nur vordergründig überraschend ist dabei, daß zur Lösung vom Helden (oder Verführer) auch ein bestimmtes Maß an "Haß, Härte und Mitleidlosigkeit" erforderlich ist. An ausführlich kommentierten Belegen aus der eigenen psychoanalytischen Praxis, signifikanten literarischen Motiven, Märchen und Mythen zeigt die Autorin, wie Frauen der (meist ambivalent und widersprüchlich strukturierten) Macht der Männer erliegen, indem sie vor allem deren Erwartungen erfüllen. "Helden" wie Don Juan oder der Fliegende Holländer sind in dieser Reihe zu nennen. Mythologische Gestalten wie Kassandra, Medea oder vor allem Ariadne, die eine frei gewählte und gleichberechtigte Verbindung mit dem unheldischen Gott Dionysos eingeht, sind Wegbereiter bzw. archetypische Muster für kommende Beziehungen, in denen es keine Überlegenen gibt, "weil die Gleichheit der Geschlechter hergestellt ist, ohne daß die Differenzen aufgehoben sind 

Eine konkrete Utopie im besten Sinne, die nicht nur auf Illusionen, sondern auch Erfahrung gründet. Auf sie werden wir aufbauen müssen, wenn wir die Wunden, die der zunehmend rasenden Held geschlagen hat, gemeinsam heilen wollen.

Raffay, Anita von: Abschied vom Helden. Das Ende einer Faszination. Olten: Walter-Verl., 1989. 215 S.