Tausche Babysitting gegen Massage, Marmelade gegen Autoreparatur. Sprachkurs gegen Wohnungsrenovierung - so ähnlich lauten die Offerte für Menschen, die sich in den letzten Jahren zu Tauschringen. „Talente“-Gruppen, Seniorengenossenschaften oder LETS-Kreisen (local Exchange Trading System = frei übersetzt: gute alte Nachbarschaftshilfe) zusammengeschlossen haben. Gemeinsam ist ihnen die Abkehr von der Abhängigkeit vom Geld. Ihre Währung heißt Talente, Tiden, Batzen, Peanuts oder Zeitpunkte.  

Die Journalistin Manon Baukhage und der Schauspieler Daniel Wendl liefern nun erstmals einen Überblick über die Tauschbewegung nicht nur in Deutschland sondern weltweit. Sie gründeten mit Freunden und Bekannten den Tauschring "LETS Isarthal" im Süden von München, wobei sie Dienstleistungen sowohl in Stunden als auch „lsarthalern" verrechnen. Ein weiteres Beispiel für diese eher geldwertorientierten Gruppen ist das Talent-Experiment Hochschwarzwald. Demgegenüber gibt es die reinen ”Zeit-Börsianer", die "Tiden" (Zeiten, Gezeiten) als Verrechnungseinheit verwenden. Solche Zeittauschbörsen gibt es bereits in Bremen, Berlin, Nürnberg, Kassel und Augsburg.

Arbeit wird in diesen Gruppen primär nicht nach Qualifikation oder Effektivität, sondern nach Zeiteinheiten unterschieden. Von den zahllosen internationalen Beispielen sei hier MORE in St. Louis - auch dort funktioniert der Tausch von Leistungen überwiegend auf Basis eines ”Time-Dollar"-Systems - oder die SEL-Gemeinschaften in Frankreich genannt. Weitere Aspekte der Darstellung sind u.a. die aktuelle juristische Situation und die Geschichte der Bewegung seit den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts. Umfangreich und praxisorientiert sind die im Anhang angeführten Tauschring-Adressen, internationale Anschriften sowie Literatur- und Zeitschriftenangaben.

Auch Günter Hoffmann beschreibt in seinem Beitrag, was Tauschringe, Talent- oder Tauschbörsen sind und wie sie funktionieren. Neben weiteren Beispielen von ländlichen Tauschringen über die Altenarbeit bis hin zur Potsdamer Nachbarschaftshilfe bietet der Journalist v. a. wichtige "Praktische Hinweise zur Gründung eines Tauschrings" und zur Idee eines Dachverbandes. Als eines ihrer Erfolgsgeheimnisse nennt Hoffmann, "daß die Tauschbörsen sich nicht als Weltanschauungsvereine verstehen" und die Differenzen zwischen den Strömungen und Modellen nicht zu verbissen ausgetragen werden.

A. A.

Baukhage, Manon; Wendl, Daniel: Tauschen statt Bezahlen. Die Bewegung für ein Leben ohne Geld und Zinsen. Hamburg: Rotbuch-Verl., 1998. 233 S. (Rotbuch Zeitgeschehen) DM / sFr 24,80 / öS 181,- 

Hoffmann. Günter: Tausche Marmelade gegen Steuererklärung. Ganz ohne Geld - die Praxis der Tauschringe und Talentbörsen. München: Piper-Verl., 1998. 173 S. DM / sFr 13,90 / öS 101