"Nichts ist realistischer als eine starke Vision." Mit diesem Satz - übrigens PR-Slogan eines großen High-Tech-Unternehmens - beginnt das Buch von Andreas Giger. Der Autor ist "Visions-Berater", d. h. er "verkauft" Visionen. Seine Beschäftigung mit visionärem Denken resultiert nicht aus wissenschaftlichen, politischen oder humanitären Interessen, sondern einzig aus ökonomischen. Das vermittelt auch seine Sprache. Sie ist verkürzend, simplifizierend - ein Werbetext, basierend auf modernistischen Sprachspielen. So erfahren wir mehr oder weniger über den Neokonservatismus der achtziger Jahre, New Age, Gorbatschow, das Geschichtszyklenmodell der griechischen Philosophie, Freud, Marx, Magie, Kreativität. Dennoch vermittelt der Text auch Positives und Zukunftsweisendes. Im ersten Teil geht es um ideengeschichtlich-theoretische Grundlagen von Visionen und ihre Abgrenzung zu anderen Denkformen: Utopien sind für Giger nicht machbar, Szenarien blutleer und strategische Planungen überholt. Im zweiten Teil diskutiert er das Aussehen und die vorherrschenden Muster von Visionen und bietet hier einiges: Je mehr man sich auf Visionen einlässt, desto mehr stellt man fest, dass Zukunft nicht" von oben" planbar ist; ein visionärer Prozess ist ein Lernprozess zum Stellen der richtigen Fragen an den richtigen Punkten; seine Qualität ist nicht messbar. Auch kommt es nicht ausschließlich auf streng rationale Logik an, sondern wesentlich auch auf die Einbeziehung des Spontanen. Giger stellt darüber hinaus fest, dass eine entscheidende Voraussetzung zur Entwicklung und Realisierung von Visionen die Existenz dezentraler Netzwerke ist, damit möglichst viele Menschen an der Entstehung von Zukunftsentwürfen mitwirken können. J. W

Giger, Andreas: Visionen. Alles mögliche war einmal unmöglich. Spielend visionäres Denken lernen. Frankfurt/M.:  Horizonte Verl., 1992. 158 S., DM 20,-/ sFr 17,- / öS 156,