Ralf Dahrendorf über die Revolution in Europa

Aus der Papierlawine, die seit Wende und Wiedervereinigung bedrohlich auf uns einstürzt, heben sich oppositionelle Meinungen wie jene von Klaus Hartung wohltuend ab. Er möchte die neue Geschichtsschreibung als" Chronist der Möglichkeiten" einleiten, wobei es neben Schnell-Anschluss, D-Mark und DDR-Auflösung mehr Alternativen gegeben hätte. Seine Kritik zielt jedoch nicht auf die Selbstverständlichkeit der Vereinigung, sondern auf deren Tempo. Kanzler Kohl hat seiner Ansicht nach Fahrpläne für abgefahrene Züge vorgelegt, während die Intelligenz zur Besinnung, zur Rettung des Erhaltenswerten, für Demokratie Zeit forderte. Die wirtschaftliche Übermacht und die damit erzwungene Beschleunigung der Vereinigung hat vieles gelähmt. Deshalb ist (nicht nur) Hartung gespannt auf die Folgen dieses Prozesses. In diesem Sinn kann "Nachdenken über Deutschland" nach vollzogener Einheit nicht schaden. Vorträge von G. Grass, R. Hochhuth, H. Marx, A. Karasholi und C. F. v. Weizsäcker spiegeln Hoffnungen und Ängste noch vor dem 3. Oktober wider. Nicht von ungefähr kommt dabei Geschichte mit ins Spiel, etwa bei Hochhuth, der Bismarck als Zeugen bemüht. Für Grass heißt dieses Nachdenken, dass Ausschwitz mitgedacht werden muss. Er hält eine Konföderation beider Staaten für den richtigen Weg. Ralf Dahrendorf tritt für eine neue Allianz von Verfassungsliberalismus und Sozialreform ein. Er wendet sich gleichermaßen skeptisch gegen Sozialdemokratie und dritten Weg. Die deutsche Frage kann für ihn nur im europäischen Rahmen diskutiert werden.

Dahrendorf, Ralf: Betrachtungen über die Revolution in Europa in einem Brief, der an einen Herrn in Warschau gerichtet ist. Stuttgart: Dt. Verl.-Anst., 1990, 159 S., DM 24,- / sFr 20,60 / öS 187,20

 

Weitere Werke über Deutschland

Um die wirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Entwicklung aus konservativer (CDU/CSU) Sicht und Aufgaben der Parteien in den 90er Jahren geht es in dem vom wirtschaftspolitischen Sprecher der Union herausgegebenen Band: Deutsche Perspektiven. Unser Weg zum Jahr 2000. Hrsg. v. Matthias Wissmann. München: Universitas-Verl., 1990. 229 S., DM 32,- / sFr 27,40 / öS  249,60

Die großen Veränderungen im Ost-West-Verhältnis und die demokratische Revolution in Europa in Hinblick auf Sicherheitsstruktur und Bündnispolitik untersucht: Rühl, Lothar: Zeitenwende in Europa. Der Wandel der Staatenwelt und der Bündnisse. Stuttgart: Dt. Verl.-Anst., 1990. 483 S., DM 44,- / sFr 27,70/ öS  343,20

Aufgaben und Risiken des "neuen Deutschland" aus sozialdemokratischer Sicht behandelt:  Dohnanyi, Klaus v.: Das deutsche Wagnis. München: Droemer Knaur, 1990. 326 S., DM 36,- / sFr 30,80/ öS 280,80