Kehren wir zurück zur Reichtums- und Vermögensforschung, einer noch jungen sozialwissenschaftlichen Disziplin. Ein von Mitgliedern des „Forums für Vermögensforschung“ herausgegebener Band stellt sich der Aufgabe, Reichtum und Vermögen empirisch und soziologisch zu erfassen. Wolfgang Lauterbach, Leiter der Studie „Vermögen in Deutschland“, versucht darin einleitend gemeinsam mit Miriam Ströing die Erstellung einer „Reichtumspyramide“. Ausgehend vom realen Durchschnittseinkommen (welches in der BRD 2006 1.413 Euro/Monat betrug) werden die Klassifizierungen „wohlhabend“ (> 200 % des Durchschnitts) und „sehr wohlhabend“ (> 300 % des Durchschnitts) festgelegt. Als sehr wohlhabend gilt demnach, wer im Monat ein Einkommen von mehr als 4.239 Euro (wieder Bezugsjahr 2006) lukriert. An der Spitze der Pyramide stehen die „Reichen“ und „Superreichen“ – ihre Differenzierung erfolgt nicht mehr nach dem Einkommen, sondern nach dem absoluten Vermögen. Denn: „Ab einer bestimmten Dimension des Reichtums ist die Höhe des Vermögens entscheidender als die Höhe des Einkommens.“ (S. 21) Wer über mehr als eine Million Dollar Netto-Finanzvermögen verfügt, darf sich zu den „High Net Worth Individuals“ zählen, ab 30 Millionen Dollar zählt man zu den „Ultra-High Net Worth Individuals“. Als „superreich“ gelten schließlich Personen mit einem verfügbaren Kapitalvermögen ab 300 Millionen Dollar. Interessant ist auch die Grenze von 500.000 US-Dollar Kapitalvermögen („affluent“-Personen), ab der eine „weitgehende Unabhängigkeit vom Erwerbseinkommen gewährleistet“ sei (S. 21).

 

Es ist ein Verdienst dieses Bandes, dass er sich der empirischen Erfassung des Reichtums annimmt, auch wenn dies nicht immer leicht ist. „Hohe Einkommensbezieher lieben das Diskrete, vor allem, wenn es um die Offenlegung ihrer Einkünfte geht“, so Ernst-Ulrich Huster in seinem Beitrag über die Bewertung von Reichtum in Deutschland. (S. 45). Aufschlussreich sind auch die Beiträge zur „Genese von Reichtum“ – zur Rolle von Bildung, Vererbung und „Vermögensbildung“ im Kapitalismus – sowie zur Debatte über dessen Besteuerung, die etwa Huster angesichts der bestehenden „Gerechtigkeitslücke“ (S. 51) fordert.

 

Eine Untersuchung zu den Bildungsabschlüssen von HocheinkommensbezieherInnen zeigt etwa, dass Bildung bis zu einer gewissen Einkommenshöhe, nämlich bis zu 300 % des Durchschnittseinkommens, selbstverständlich einen wesentlichen Faktor darstellt, darüber hinaus jedoch andere Ursachen für Reichtum gelten müssen. Dass dazu besonders hohe Arbeitsleistung („über 45 Stunden Wochenarbeitszeit“) zählt, wird auf viele zutreffen, kann aber die Einkommensunterschiede allein nicht erklären.

 

Durchaus ambivalent erscheint dem Rezensenten der zweite im Buch dargelegte Ansatz der „Vermögenskultur“, der der Frage nachgeht, was Vermögende als Wohltäter und Stifter für die Gesellschaft zu tun im Stande sind. Mitherausgeber Thomas Druyen, Professor für vergleichende Vermögenskultur an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien, plädiert für eine positive Sicht von Reichtum: da gerade „privater Reichtum und seine Inanspruchnahme für den Wohlstand eines Landes unverzichtbar“ seien, denn ein großer Teil des Kapitals stecke als Gegenwert in Unternehmen, „die unserer Gesellschaft Arbeitsplätze stellen“ (S. 36). An anderer Stelle tritt der Autor für die Unterscheidung von Reichtum und Vermögen ein: „Wenn wir lernen, Reiche von Vermögenden zu unterscheiden, verringert sich die Gefahr oberflächlicher Urteile und mythischer Stereotype. So kann sowohl eine vorbildliche Vermögenspraxis anschaulich gemacht als auch maßlose oder kriminelle Aneignungen leichter geahndet werden.“ (S. 32)

 

 

 

Inszenierter Reichtum

 

Aufschlussreich wirkt da die spannende soziologische Untersuchung von Sebastian Heinzen über die „Inszenierung von Reichtum“, wonach Reichtum als wichtiges und erstrebenswertes „gesellschaftliches Leitbild“ gilt. Nicht nur dass Mitglieder gesellschaftlicher Gruppen immer versuchen, „der nächst-höheren anzugehören“ und dieser „nachzueifern“(S. 258); Reichtum und der damit verbundene Konsum seien, so Heintzen, auch zum dominierenden Bindeglied der Gesellschaft geworden. „Was früher Aufgabe der Religion war, nämlich die Zusammengehörigkeit einer spezifischen Gruppe zu definieren, wird in unserer heutigen Zeit durch Konsum bzw. Geld abgelöst.“ (S. 263) Reichtum gewinne eine „religiöse Aura“ und werde daher auch von den Nicht-Reichen als positiv und erstrebenswert angesehen. So sei es nicht verwunderlich, dass „gerade Reiche und Prominente als häufigste Vorbilder bei Jugendlichen auf ihrer Suche nach Orientierung und Identität genannt werden. Längst sind Prominenz und Superreiche in die Sphäre des Sakralen entrückt.“ (S. 264) Solidarisierung mit Seinesgleichen oder gar jenen, die sozial unter einem selbst liegen, kommt da niemand mehr in den Sinn! Politisierung im Sinne einer Umverteilung weg von den Reichen hat es schwer.

 

Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammen- hang auch ein im Band vorgebrachtes Motiv für Reichtumsforschung, nämlich herauszufinden, „inwiefern gerade einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen soziale Unterschiede und damit auch wohlhabendere Schichten und Menschen akzeptieren“ (S. 69), um den Zusammenhalt einer Gesellschaft und die „Akzeptanz ihrer Staats- und Gesellschaftsform“ (ebd.) zu erhalten.

 

Vor diesem Hintergrund macht es zwar Sinn, auch das soziale und kulturelle Engagement von Reichen zu untersuchen (und zu würdigen) – im Band werden die verantwortungsvollen Reichen von den nur an der weiteren eigenen Bereicherung Interessierten unterschieden –, aber gerade das Engagement der „guten Reichen“ (Grundmann, S. 207) trägt dazu bei, Reichtum zu legitimieren statt diesen gesellschaftspolitisch zu hinterfragen. H. H.

 

 

 

Reichtum und Vermögen. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Vermögensforschung. Hrsg. v. Thomas Druyen u. a. Wiesbaden: VS Verlag, 2009. 298 S., € 30,74 [D], 31,70 [A],

 

sFr 52,30 ; ISBN 978-3-531-15928-7