Im Jahr 2007 beschloss die deutsche Bundesregierung die „Biodiversitätsstrategie“. Diese sieht vor, 2 Prozent der Landesfläche als Wildnis zu schützen, das wären ca. 710.000 Hektar. Und bis 2020 sollen 5 Prozent der Wälder Deutschlands bzw. 10 Prozent der Wälder in öffentlicher Hand aus der forstlichen Nutzung entlassen sein. Welche ökologische, ökonomische und kulturelle Bedeutung Naturschutzgebieten zukommt und wie die Re-Naturierungswende gelingen könnte, ist Schwerpunkt-Thema des  „Jahrbuch Ökologie 2015“. Re-Naturierung meint zunächst die Revitalisierung von Wäldern, Mooren und Auen, die ökologische Umgestaltung  von aufgelassenen Truppenübungsplätzen und Bergbaufolgelandschaften. Große Bedeutung kommt aber auch – das mag überraschen - der Renaturierung von urbanen Räumen zu.

Mehr noch als das Zulassen von „Wildnis“ steht bei Re-Naturierung nämlich – das macht die Mehrzahl der 38 Fachbeiträge des Jahrbuchs deutlich – ein neues Verhältnis von Mensch und Natur bzw. Inwert-Setzung von Natur im Mittelpunkt. Ob im Bereich der Landwirtschaft (Felix Prinz zu Löwenstein gibt ein flammendes Plädoyer für den Biolandbau), im Bereich der Chancen und Grenzen der Bioenergie-Nutzung (Peter Schmuck fordert hier die Erweiterung der deutschen Bioenergiedörfer zu einer Bewegung der Solarthermie-Kommunen) oder im Kontext der Entdeckung des Radfahrens und Weitwanderns durch den Tourismus (deren Ambivalenzen Ulrich Grober nachspürt) – überall ist eine Neubestimmung wirtschaftlicher Nutzungsprioritäten gefragt. Auf der Meta-Ebene machen dies Michael Müller und Kai  Niebert in ihren Ausführungen über eine sozialökologische Transformation auf globaler Ebene deutlich. „Der Wohlfahrtsstaat nach 1945 war eine nationalstaatliche Antwort auf die soziale Entbettung“, so die beiden. Doch nun brauche es ein ökologisches Wohlfahrtsmodell, das die planetarischen Grenzen akzeptiert, welches es noch nicht gäbe (S. 145).

Besonders beeindruckt haben den Rezensenten die Beiträge über „Natur in der Stadt“. Christa Müller etwa beschreibt die Bewegung des Urban Gardenings als Versuch, Lebensmittelmittelproduktion zumindest teilweise wieder in die eigene Hand zu nehmen und diese mit der Neu-Aneignung öffentlichen Raums zu verbinden. In dieselbe Richtung weist der Wettbewerb „Lebenswerte Stadt“, in dem nicht nur Re-Naturierungsmaßnahmen, sondern auch Versuche, Landwirtschaft in die Stadt zu holen, prämiert werden. Das Siegerprojekt 2012/2013 „Essbare Stadt Andernach“ besticht etwa durch den Mut der Stadtverwaltung, alle öffentlichen Grünflächen für das Gärtnern der BürgerInnen freigegeben zu haben. Obendrein wurde so sinnvolle Beschäftigung für Langzeitarbeitslose geschaffen. „Nicht mit großen Baumaßnahmen, sondern mit essbaren Pflanzen schuf die Stadt eine neue Qualität und Attraktivität für ihre Grünflächen“, so Silke Wissel in ihrem Beitrag (S. 108). Und die Umweltdidaktikerin Ute Stoltenberg zeigt auf, welche spannenden Möglichkeiten urbanes Gärtnern für die Nachhaltigkeitsbildung eröffnet. Damit kann auch dem verhängnisvollen Wunsch der Städter, „Natur und Freiheit in der Ferne“ zu suchen, entgegnet werden, wie Helmut Holzapfel in seinem Beitrag „Das Automobil und die Natur in der Stadt“ augenscheinlich macht. Das vor 30 Jahren entwickelte Konzept der „Ökostadt“ bietet hierfür nach wie vor wertvolle Anregungen – nachzulesen in einem Beitrag von Felix Döhler, Max Grünig und Susanne Langsdorf. 

Die Herausgeber formulieren in der Einleitung zum Jahrbuch den Anspruch, Re-Naturierung weiter zu fassen als die Widerherstellung von naturnahen Lebensräumen. Mit den vielfältigen Zugängen und aufgerissenen Fragestellungen, die hier nur exemplarisch genannt werden konnten, ist dies hervorragend gelungen. Hans Holzinger

Re-Naturierung. Gesellschaft im Einklang mit der Natur. Jahrbuch Ökologie 2015. Red.: Udo E. Simonis. Stuttgart: Hirzel, 2014. 256 S. € 21,90 [D], 22,60 [A], sFr 22,90  ISBN 978-3-7776-2455-6 bzw. 978-3-7776-2458-7 (ebook).

„Re-Naturierung ist ein Thema, das die Phantasie beflügelt, das zum Mitmachen anregt, das neue Freude an der Natur verspricht: Renaturierung des eigenen Heims, der Gemeinde, der Region, der Nation – Renaturierung des Globus Erde.“ (Jahrbuch Ökologie, S. 10)