„Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr.“ Mit diesem Satz beginnt ein „Leitfaden für Überlebende“, in dem wir erfahren, wie sich der Wiederaufbau einer technologisch hochentwickelten Gesellschaft organisieren lässt, nachdem die gesamte Infrastruktur zusammengebrochen ist. Dann, wenn jene Dinge, die wir als selbstverständlich betrachten, nicht mehr funktionieren, wird das Grundlagenwissen entscheidend. Das schwerwiegendste Problem dabei ist, so der Astrobiologe und für die britische Raumfahrtagentur tätige Lewis Dartnell, „dass das menschliche Wissen kollektiv ist“ und eben kein einzelner Mensch genug weiß, „um die lebenserhaltenden Prozesse der Gesellschaft am Laufen zu halten“ (S. 16). Für ihn ist klar, dass eine Zivilisation, die von neuem beginnen müsse, nicht die Möglichkeit haben würde, unsere ursprünglich gewundenen Pfade des naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritts nachzuvollziehen. Nachdem heute der größte Teil der fossilen Brennstoffquellen weitgehend erschöpft ist, wären wir gezwungen, eine nachhaltige Entwicklung einzuschlagen. Dies bedeutet also einen ökologischen Neustart oder wie der Autor es nennt ein „grünes Rebooten“.

Dabei geht es zunächst um die elementaren Grundlagen und um die Frage, wie sich die Menschen nach der Katastrophe aus eigener Kraft die Grundlagen eines akzeptablen Lebens verschaffen können. Es gilt, aus den Hinterlassenschaften der untergegangenen Zivilisation die besten Bauteile zu finden und sich Werkstoffe zu verschaffen. Nachdem die Voraussetzungen für das weitere Überleben organisiert sind, müsse die Landwirtschaft wieder aufgebaut, Vorräte an Nahrungsmitteln angelegt sowie pflanzliche und tierische Fasern zu Kleidung weiterverarbeitet werden.

Auf der Prioritätenliste ganz oben steht der Schutz vor Naturgewalten, die Errichtung einer Unterkunft und die Beschaffung von sauberem Trinkwasser. Der Hinweis, dass ein Teelöffel Calciumhypochlorit ausreicht,  um 760 Liter Wasser zu desinfizieren, mag stellvertretend für die vielen detaillierten praktischen Tipps stehen. (Man erfährt etwa auch, wie Seife, Papier und eine Druckerpresse, Tinte oder Glas herzustellen sind.) Bei den Nahrungsmitteln ist davon auszugehen, dass ein mittelgroßer Supermarkt den Nährstoffbedarf für etwa 55 Jahre decken würde - „63 Jahre, wenn Sie auch den Inhalt der Katzen- und Hundefutterbüchsen verzehren“ (S. 53). Obwohl einiges dafür spräche, in den Städten zu bleiben, wäre es leichter, den Städten ein für alle Mal den Rücken zu kehren und in eine ländliche Gegend mit fruchtbarem Ackerland und älteren Gebäuden zu ziehen, so Dartnell.

Das Buch kann logischerweise nur einen flüchtigen Blick auf den gigantischen Wissens- und Technikfundus unserer Zeit vermitteln. Aber vielleicht ist es ja im Fall der Fälle das wichtigste Buch, das je geschrieben wurde. Was mit unseren technischen Errungenschaften geschähe, und wie lange Flora und Fauna bräuchten, um sich zu erholen, wenn die Menschheit von einem Moment auf den anderen aufhört zu existieren, zeigt eindrucksvoll die Dokufiktion-Serie „Zukunft ohne Menschen“ („Life After People“), nachzusehen auf youtube. Alfred Auer     

 

 Dartnell, Lewis: Das Handbuch für den Neustart der Welt. Alles, was man wissen muss,

wenn nichts mehr geht. Berlin: Hanser, 2014. 367 S., € 21,90 [D], 22,60 [A]

ISBN 978-3-446-24648-5