Was haben die Moral, die Ethik und die Politik miteinander zu tun? Nicht viel, meist gar nichts, sie scheinen sich geradezu auszuschließen will man meinen, wenn man die derzeitig gepflogenen gesellschaftspolitischen Praktiken wachen Verstandes wahrnimmt. „Mir ist, als ob eine Horde Irrsinniger uns regierte“, schrieb Max Weber schon 1915 (S. 67) und seine Aussage ist erstaunlich zeitlos. Auch Krippendorffsche Ansprüche und Bewertungen werden so manchen PolitikerInnen kalte Schauer über den Rücken jagen: die Maastricht-Kriterien gelten ihm als schlechthin lebensbedrohlich, die Entmoralisierung der Politik als Wurzel vieler Übel und das Militär disqualifiziert er als die gefährlichste, lebensfeindlichste und kostspieligste Einrichtung, die je erfunden wurde. Ganz direkt, gar nicht trendig und gänzlich gegen den markigen Zeitgeist ist da von politischer Eigenverantwortung der BürgerInnen, von kleinen überschaubaren politischen Einheiten, von Be-Grenzung statt Größenwahn und von Selbsterkenntnis die Rede. Billiger sei Politik als Selbstbestimmung nun mal nicht zu haben, schreibt kühn der Autor, der mit diesem Buch versuchen will, „der Politik und der Politikwissenschaft wieder jenes Interesse zurückzugewinnen, welches das Politische verdient“ (S. 8).

Das menschliche Maß in und die moralische Begründung der Politik seien zwei Grundvoraussetzungen, um die Menschen wieder an der „großen“ Politik teilhaben zu lassen.

Flugs ist daher ein ganzes Kapitel mit dem Zitat Kants überschrieben: „Die Politik kann keinen Schritt tun, ohne vorher der Moral gehuldigt zu haben.“ Das würden wir doch auch unseren PolitikerInnen gerne ins Stammbuch schreiben! Aber auch die Wissenschaft und Technik darf sich angesprochen fühlen: Mit Hiroshima und Tschernobyl haben wir genug an Mahnmalen einer pflichtvergessenen, sich selbstbespiegelnden, technokratischen Rationalität, die bar jeder Vernunft ist.

„Small is beautiful“ lautet Kapitel Nr. 7, und der Titel steht für das menschliche Maß, das eigenverantwortliches politisches Handeln wieder erlaubt. In diesem Zusammenhang schlägt Krippendorff zentrale Kapitel abendländischer Geschichte auf und konzentriert sich auf uneingelöste Ansätze, die es wieder zu entdecken oder neu zu diskutieren gilt, wie etwa die Idee der Europa-Gemeinden in der Französischen Revolution und der Gedanke des föderativen politischen Verbands in der Amerikanischen. „Nur wer in der Geschichte auch die nicht eingelösten Möglichkeiten studiert und ernst nimmt, vermag, Zukunft als die potentielle Entscheidung zwischen verschiedenen denkbaren oder zu entwickelnden Projekten zu entwerfen.“ (S. 115 f.)

Der Politikwissenschafter legt ein Buch vor, das noch immer, oder besser schon wieder gegen den Strom schwimmt und das sich dem schnellen Konsum entzieht. Denn es bedarf schon des Mit-, Quer- und zeitweise auch des Dagegendenkens, wenn der Autor durch Raum und Zeit der europäischen Geistesgeschichte zappt und surft und daraus seine Schlüsse zieht: Von der griech. bis zur dt. Klassik, vom Peleponnesischen Krieg zum Nato-Hauptquartier, von Sophokles über Shakespeare zu Goethe, Schiller und Heiner Müller. Im Zentrum steht das vernünftige, autonome Subjekt, das kritisch und selbstbestimmt Anteil am politischen und gesellschaftlichen Leben nimmt, also jenes Menschen-Bild, das wir als Liebkind der Aufklärung bereits kennen. Zu den nicht überraschenden Anleihen aus der politischen Philosophie des Sokrates und Platon, Rousseaus und Kants, Goethes und Schillers gesellen sich auch Denkfiguren des Poststrukturalismus französischer Provenienz und der selten von männlichen Autoren geschätzte feministische Blick. Ebenso ungewöhnlich wie erfreulich sind Krippendorffs Blicke über den europäischen Tellerand hinaus auf die philosophische Tradition des Laotse und Kungfutse. Auch Gandhi, als Beispiel für die „radikalste Politik-Kritik“ (S. 153) überhaupt, nimmt eine Sonderstellung ein, denn nicht zuletzt geht es in diesem Buch, „um die genauere Bestimmung und Ausbildung ebendieser kritischen, politischen Haltung“, die die Essenz des Politischen ist. (S. 14)

Dem Autor sei eine reiche LeserInnenschaft beschieden, damit dem ‘Prinzip Unzufriedenheit’ auch wirklich das ‘Prinzip Hoffnung’ korrespondiere. A. E.

Krippendorff, Ekkehart: Die Kunst, nicht regiert zu werden. Ethische Politik von Sokrates bis Mozart. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1999. 466 S., DM 56,- / sFr 51,- / öS 409,-