Der Soziologe Reimer Gronemeyer konstatiert am Ausgang des 20. Jahrhunderts nicht nur das Ende der „alten“ Werte, sondern eine oberflächliche Moralisierung des Alltags, die nicht an den großen Fragen der Humanität oder des Sinns rührt. „Weil die wichtigen moralischen Fragen unlösbar geworden sind, fummeln die Journalisten am Hosenschlitz des Präsidenten, beckmessert die öffentliche Meinung an Dienstfahrten herum und verlangt von den Abgeordneten das, was sie bei ihrer nächsten Steuererklärung selbst nicht einzuhalten gedenkt.“ (S. 18f.) Im unaufhaltsamen Prozeß der Deregulierung und der Unübersichtlichkeit bedarf es, so der Autor, einer neuen Regelung der Alltagsverhältnisse. In seinem Rekurs auf die Grundidee der alttestamentarischen Zehn Gebote zeigt Gronemeyer, daß sie nichts an Aktualität eingebüßt haben. Sie gehören „zum moralischen Kontext unserer abendländischen religiösen und kulturellen Tradition“ und sie sind dem Autor allemal lieber als „die lauwarme Brühe eines Weltethos, an dem heute gebastelt wird“ (S. 21). Das von Hans Küng propagierte Weltethos und dessen „triviale Merksätze, seine Geschäftigkeit in Sachen Ethik“, die Ethos in ein instrumentalisiertes und institutionalisiertes Projekt verwandelt, kritisiert Gronemeyer mit Engagement.

Ohne die Zehn Gebote in der vom Autor adaptierten Form im einzelnen aufzuzählen - die meisten von uns haben ohnehin noch eine Ahnung, wie diese lauten -, sollen einige zentrale Ideen wiedergegeben werden. Zu nennen ist etwa der Sinn des Lebens durch Arbeit, um die sich einst das Leben der Menschen formierte. Als Antwort auf die Krise der Arbeitsgesellschaft hat Gronemeyer „das Recht auf Faulheit“ parat und er erinnert an den Philosophen in der Tonne, der gemeint hat, daß nur derjenige glücklich sein kann, der keiner regelmäßigen Tätigkeit bzw. Verantwortung nachgehen muß. Im Gebot der Elternliebe sieht der Autor die Notwendigkeit, über den Tellerrand der Familie hinauszublicken und Freundschaften zwischen den Generationen neu zu gründen. Das „Begehren eines nächsten Hauses“ umschreibt in seiner aktuellen Variante die wachsende Differenz zwischen Reich und Arm. Hier muß dringend, so der Autor, über Umverteilungen und Einschränkungen nachgedacht werden. Schließlich wendet sich Gronemeyer vehement gegen die neuesten Aussagen der Trendforschung, die besagen, daß künftig nur Menschen erfolgreich sein werden, die ohne feste Ordnung auskommen und im Chaos aufblühen. Er fordert eine „Kultur der Selbstbegrenzung ..., in der die Menschen sich selbst Verzichte abverlangen“ (S. 222). Das Gebot „Du sollst nicht begehren das Haus deines Nächsten“ muß, so der Soziologe, aus seiner lokalen Verankerung herausgerissen und vor dem Hintergrund einer Weltbürgergesellschaft neu gedacht werden.

Der Schlüssel zur Lösung liegt bei den reichen Ländern, dort muß über Umverteilungen und Einschränkungen nachgedacht werden. A. A.

Gronemeyer, Reimer: Die 10 Gebote des 21. Jahrhunderts. Moral und Ethik für ein neues Zeitalter. München (u. a.): Econ-Verl., 1999. 253 S., DM 48,- / sFr 44,50 / öS 350,-