Mit Aids und nach Aids wird vieles nicht mehr so sein, wie es vorher war. Aids wird für Glucksmann auch zur Chiffre für Probleme der Gesellschaft bzw. wie sie und jeder einzelne damit umgeht. Die Unausweichlichkeit des Todes beispielsweise stellt das Verhältnis Arzt-Patient völlig auf den Kopf. Der Arzt kann so gut wie gar nichts mehr tun, außer Symptome erleichtern - dies in höherem Maße als bei einer anderen Krankheit. Er ist nicht mehr der Aktive mit unbeschränkten Möglichkeiten. Nur der Patient kann seine Krankheit und die Gesundheit seiner Umgebung beeinflussen. "Eine faszinierende, pardoxe Umkehrung! In dem Augenblick, wo einer kurzlebigen Kreatur das Schlimmste widerfährt, trägt sie die höchste Verantwortung. Sie muß die letzten Stunden, die sie erschöpfen, organisieren und über das Los ihrer Umgebung befinden."

"Die erste These dieses Buches lautet, daß Aids unausweichlich aus jeder Moral herausfällt"; die zweite: "Selbst wenn die landläufigen Moralvorstellungen wanken, so ist das ethische Erbe doch ungebrochen." Und doch weitet es sich aus oder verschiebt die Prioritäten. Es ist nicht mehr apriori der Einzelne zu schützen, sondern durch den vorrangigen Schutz der Gemeinschaft bleibt in der Konsequenz auch er verschont. Aber wie ist dieser Schutz möglich? Nach Glucksmann nicht mit der Propagierung des Kondoms. Es ist eine dieser einfachen Lösungen, die eindimensionale technische Antwort, die nicht wirklich greift, denn "der Markt ist gesättigt mit Allheilmittein dieser Art". Im Gegensatz dazu zwingt die Aids-Epidemie, über Schwierigkeiten nachzudenken, auf anderen Ebenen zu kommunizieren als denen der Rentabilität und Effizienz. Zum Schlüsselbegriff für dieses und alle anderen aktuellen und zukünftigen Probleme wird die persönliche Verantwortung, die aus der Feigheit geboren sein mag, und für die das Gewissen Pate stand. Verantwortung - "Oder nichts mehr. To be or not to be. Up to you!"

S. Sch.

Glucksmann, André: Der Stachel der Liebe. Ethik im Zeitalter von Aids. München: Artemis & Winkler, 1995, 271 S., DM/sFr44,-/öS 343,50