Wenngleich die Erörterung philosophischer Fachfragen nur selten im Rahmen der Zukunftsforschung Platz findet, so ist sie doch dann von Brisanz, wenn die "Wissenschaftlichkeit der Ethik" zur Diskussion steht. Gegen die Position des logischen Empirismus, für den moralische Kategorien wie gut und böse, richtig und falsch wissenschaftlich nicht zu diskutieren sind, entwirft der Autor im ersten Teil seiner zugleich als Habilitation vorgelegten Untersuchung in Anlehnung an die radikalempirische Position W.V.O. Quines eine "Holistische Metaethik". Ihrzufolge ist alles Wissen relativ, kontextbezogen und wahrheitsfähig, und demnach auch Moralphilosophie jeweils in das "Netz der Sprache" eingebunden. Auf dieses naturgemäß abstrakte, aber doch auch für interessierte Außenstehende nachvollziehbare Fundament aufbauend, entwickelt der Autor die Konturen eines in jeder Gesellschaft unterschiedlich ausgestalteten "Normenraums", als dessen Teil auch ein „Moralraum" durch die Dimensionen Handlung, Zeit, Wissen, Rationalität, Vernunft und die Zahl der Akteure bestimmt ist. Wichtige Konsequenz dieses Ansatzes ist die These, dass Individuen stets dann moralisch handeln, wenn sie die Interessen anderer nicht bewusst verletzten. Unter Berücksichtigung konkurrierender Normen kommt der Verfasser konsequenterweise zu dem Schluss, dass Wissenschaftler oder Ökonomen überwiegend amoralisch handeln, da ihnen "gar nicht bewusst ist, dass ihr Tun auch moralisch relevant sein könnte". Nicht weniger bedeutend sind die Überlegungen hinsichtlich einer kollektiven Moral und Ethik. Mit Blick auf Anspruch und Wirkung politischer Organisationen vertritt Druwe-Mikusin die These, dass "deren Struktur so zu gestalten ist, dass die Mitglieder ihrer Kollektivverantwortung gerecht werden müssen". Die Folgen dieses Konzepts diskutiert der Autor anhand einiger brisanter Beispiele aus der deutschen Geschichte (Goebbels, § 218, Sterbehilfe und Affaire Barschel) ohne daraus allgemein gültige Folgerungen für die Struktur von Institutionen zu entwickeln. Walter Spielmann

Druwe-Mikusin, Ulrich: Moralische Pluralität. Grundlagen einer Analytischen Ethik der Politik. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1991. 216 S., (acta politica; 1) DM 44,- / sFr 37,30 / öS 343,20