Die „interaktive Stadt" (Rötzer, 1995) der Zukunft ist nicht mehr an bestimmte Orte gebunden, verliert also in der Multimedia-Welt des "global village" mehr und mehr ihre ursprüngliche Funktion als Zentrum, zumindest nach einer gängigen These der neueren Kommunikations- und Wirtschaftstheorie. Entgegen dieser Ansicht vertritt Saskia Sassen, Professorin für Stadtplanung an der Columbia Universität in New York, die Auffassung, daß die größeren Städte als Schnittstellen jeweils spezifischer Aktivitäten und Funktionen heute sogar an Bedeutung gewinnen. Den Großstädten komme sogar eine neue strategische Rolle zu, denn die Herausbildung eines globalen Wirtschaftssystems erfordert "zentrale Orte, an denen die' Globalisierung realisiert wird". Die Autorin begreift zwar die Stadt als einen Schauplatz globaler Prozesse, in dem sich Städte z. B. New York, Tokio, London, Hongkong, Miami (u. a.) - längst zu transnationalen Markt-, Räumen" entwickelt haben. Daraus ergibt sich für Sassen eine neue Geographie von Zentralität und Marginalität, in der Großstädte nicht mehr länger Untereinheiten ihrer jeweiligen Nationalstaaten sind. Die Stadtplanerin beschäftigt sich mit der ganzen Bandbreite an Aktivitäten und organisatorischen Arrangements, die für die Durchsetzung und Aufrechterhaltung eines globalen Netzes von Fabriken, Dienstleistungen und Märkten unerläßlich sind. Als postindustrielle Produktionsstandorte geben Städte den Blick frei auf Aspekte der wirtschaftlichen Konzentration und Macht. Am Beispiel von Miami, Toronto und Sidney veranschaulicht die Urbanistikexpertin die Entwicklung und Dynamik der Global Cities sehr anschaulich. Durch die sich abzeichnenden Entwicklungen rücken aber auch die damit einhergehenden neuen sozialen Ordnungen und Ungleichheiten in den Blick. Speziell im Dienstleistungs- und Finanzgewerbe sieht die Autorin eine Zunahme der Einkommens- und Beschäftigungsunterschiede und verweist nachdrücklich auf die Bedeutung oft ausgeblendeter Sektoren, "die weitgehend auf die Arbeit von Frauen, Immigranten und - im Fall der amerikanischen Großstädte - von Afro-Amerikanern und Latinos beruhen" und dementsprechend neue Muster sozialer Ungleichheiten und Alltagskulturen ausbilden. Vom Ende der Metropolen kann also keine Rede sein.  A. A.

Sassen, Saskia: Metropolen des Weltmarkts. Die neue Rolle der Global Cities. Frankfurt/M. (u.a.): Campus-Verl., 1996. 788 S.