Der Kapitalismus hat im Wettbewerb der Systeme nun endgültig gesiegt. Jene, die nach Wegen jenseits von US-Kapitalismus oder SU-Sozialismus Ausschau halten, gelten als Nörgler oder Spielverderber, die "die so schön mediengerecht aufbereitete Weltlage unnötig und bösartig komplizier(en)". Gegen die Diskreditierung des utopischen Denkens wehrt sich Strasser. Für ihn garantieren der Zusammenbruch des realen Sozialismus und der Geländegewinn für Demokratie und Marktwirtschaft nicht, "dass das Vernünftige sich durchsetzt und alles getan wird, um die herannahende Katastrophe zu verhindern". Die wesentlichen Probleme der Menschheit sind nach wie vor ungelöst. Gerade deshalb darf der utopische Impuls nicht versiegen, "aus dem heraus seit eh und je wirklicher Fortschritt erwachsen ist und aus dem auch die Kraft und die Phantasie zur Gestaltung einer menschlichen Zukunft wird kommen müssen". Hoffnung und Orientierung sieht Strasser nach Sichtung des Ideenguts des Sozialismus nach wie vor in dessen Grundüberzeugungen (Solidarität, Freiheit, Menschenrechte usw.). Entgegen den Utopien fortschrittseuphorischer Wissenschaftler, Techniker und Ökonomen plädiert er für die „Rückbindung der Wissenschaft an humane und soziale Ziele", für eine den natürlichen Voraussetzungen menschlichen Lebens angepasste Vision der Überflussgesellschaft. Strasser beschreibt weiters Möglichkeiten eines wirklich freiheitlichen Konzepts der Zivilgesellschaft. Voraussetzung ist die Dezentralisierung von Entscheidungsstrukturen und relative Autonomie kleinerer Lebensräume. Auch die Vision einer anderen Arbeitsgesellschaft in Richtung Selbstbestimmung und Humanisierung bleibt aufrecht. Zwar sind keine Wunder zu erwarten, doch ist aufgeklärte Utopie notwendig, auch wenn jene der unbegrenzten Möglichkeiten ausgeträumt ist. Ohne Visionen einer lebenswerten Zukunft, so Strasser, geht es nicht. Er fordert das für unmöglich Erklärte, "damit in der Gegenwart wieder Zukunft aufscheint". Ähnlich wie die hier erfolgte Überprüfung der Idee des Sozialismus ist der sich in Wissenschaft und Technik manifestierende Fortschritt kritisch zu sichten und die Besinnung auf eine "asketische Weltkultur"  (F.v. Weizsäcker) längst überfällig - auch angesichts der Vereinigungs- und Einigungsprozesse in Europa. 

Strasser, Johano: Leben ohne Utopie? Frankfurt: Luchterhand, 1990. 148 S. (Luchterhand Essay) DM 22,- / sFr 18,80/ öS 171,60