Jörg Haider ist österreichischer Rechtspopulist, das Thema des Buches also ein österreichisches. Der Ansatz des Forscherteams, jenseits plakativer Zuordnungen und Verurteilungen der "Attraktivität", die dieser Haidersche Populismus auf viele Menschen ausstrahlt, aus sozial psychologischer Sicht nachzuspüren, verdient aber internationale Aufmerksamkeit, da das Phänomen „Rechtspopulismus" ein internationales ist. Aufstückelung in Teil-ldentitäten (Rollen), Anpassungsdruck, Normenverwirrung (etwa in Bezug auf die Geschlechterrollen), Orientierungs- und Versagensängste, Überzähligkeitsängste, Vereinzelung und Konkurrenz, Ohnmacht gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen und globalen Bedrohungen (Umwelt, Kriege u.a.m.). dies sind Merkmale der modernen Industriegesellschaften. Politiker wie Haider geben Pseudo-„Antworten" auf diese Verunsicherungen und bieten, so die Autoren, Ersatz-Identitäten an. Politik wird dabei als Inszenierung verstanden, der Hauptakteur (Haider) befriedigt nicht nur Ewig-Gestrige, er wechselt geschickt die Rollen; er ist "wilder Rebell", der die "alten" Parteien vor sich hertreibt ebenso wie Landesvater (als ehemaliger Landeshauptmann), antifeudaler Bonzenbekämpfer, (zumindest was die Gewerkschaften betrifft) ebenso wie zuverlässig-jovialer Freund, der dir das Du-Wort anbietet, er ist Sex-Idol (Abbildung in Illustrierten mit nacktem Oberkörper) und Saubermann zugleich. Nach der Methode des "szenischen Verstehens" werden zahlreiche Reden und Auftritte (Inszenierungen) Haiders analysiert und mit seinen Anhängern durchgeführte Tiefeninterviews ausgewertet. Diese Analysen zeigen, dass Haider als "Container" für Gefühle (des Aufbegehrens, des Erfolgreich-Seins, des Stark-Seins) fungiert, die in ihn ersatzweise projiziert werden. Eine Studie, die ihren Wert daraus bezieht, dass sie nicht verurteilt, sondern die Faszination dieser Art von Politik verstehbar macht, und die sich nicht auf den Hauptakteur beschränkt, sondern auch sein Publikum betrachtet und dieses ernst nimmt. Die beschriebenen Phänomene lassen sich - so betonen die Autoren selbst - auch auf andere Politiker übertragen, Haider sei nur ein sehr perfekter "Inszenierer". H. H.

Goldmann, Harald; Krall, Hannes; Ottomeyer, Klaus: Jörg Haider und sein Publikum. Eine sozialpsychologische Untersuchung. Klagenfurt: Drava-Verl., 1992 201 S.