Eine der größten durch das Internet ausgelösten Veränderungen betrifft die Musikbranche, meint der Wiener Fachbuchautor Marcel Kneuer. Das Komprimierungsverfahren MPEG Layer 3, kurz mp3, verkleinert die Daten auf ein Minimum, gewährleistet trotzdem aber eine Tonqualität nahe der CD. Ein einzelner Song von etwa 4 Minuten Dauer belegt dabei etwa 3 MB auf der Festplatte, eine ganze Audio-CD etwas über 40 MB; alles, was man zum Überspielen braucht, ist eine entsprechende Software wie z. B. RealJukebox. Musikdaten lassen sich natürlich auch übers Internet verschicken. Das freut manche Künstler, die so ihre Musik ohne Vermittlung von Plattenfirmen veröffentlichen können; das irritiert aber verständlicherweise die Plattenfirmen erheblich und wird wahrscheinlich die Musikbranche von Grund auf verändern.

Wenn man sich nämlich Musik fast gratis übers Internet auf seinen PC laden kann, wird man nicht im Plattengeschäft Geld für eine CD ausgeben. Der Hochqualitäts-Sektor (wohl vor allem die Klassik) wird davon vermutlich weniger betroffen sein, Popmusik rufen aber schon heute auf einer einschlägigen Homepage wie mp3.com über 300.000 UserInnen täglich ab. Wenn die Plattenfirmen - was nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge unwahrscheinlich ist - nicht doch noch Sicherheitsmechanismen auf dem Markt durchsetzen, werden sie Geld künftig wahrscheinlich nur durch Werbung auf den Pop-Homepages oder durch Konzerttourneen verdienen. Jedenfalls werden in Zukunft die Verbraucher wesentlich größeren Einfluß auf dem Markt haben, vielleicht geht sogar die Ära der großen Labels überhaupt zu Ende - eine Chance für kleine Firmen, die die Musiker wieder persönlich begleiten?

Inzwischen rüstet die Musikindustrie zu Gegenmaßnahmen in Gestalt neuer, angeblich raubkopiensicherer Standards namens SDMI (Secure Digital Music Initiative) - man darf gespannt sein.

W. R.

Links [soweit möglich 2018 überarbeitet]:

Kneuer, Marcel: mp3 - heute schon gehört? In: multiMEDIA 1999/10 v. 30. Mai 1999, S. 13