image007Dem Wunsch entsprechend, Einfluss auf die Gestaltung des Alltagslebens zu nehmen, rücken Formen der Beteiligung in den Blick, welche die konkreten Interessen der Menschen in ihren jeweiligen Lebensbezügen ernst nehmen und aufgreifen. Um die Menschen dazu zu befähigen und zu bestärken, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, braucht es Organisationsformen der Gemeinwesenarbeit. Eine Möglichkeit dazu ist die in den USA entwickelte und seit nunmehr über 20 Jahren auch in Deutschland praktizierte Methode „Community Organizing“ (CO). Dieses Handbuch liefert dazu eine Klärung des Begriffs, eine umfangreiche Bestandsaufnahme und Erläuterungen zur Geschichte des CO.

Zunächst erläutern Leo Penta, Professor für Gemeinwesenarbeit und –ökonomie in Berlin, und der Sozialpädagoge Frank Düchting knapp, worum es geht. CO sei eine „Schule der Demokratie“ für Menschen, „die sich vom öffentlichen Engagement verabschiedet haben oder ein solches noch nicht gewagt haben“ (S. 53). CO setze insbesonders die bisher Ausgeschlossenen instande, am politischen Geschehen teilzunehmen. Als Vertreter des US-amerikanischen CO-Ansatzes kritisieren beide den Einsatz von CO in Deutschland, da dieses hierzulande „versozialarbeiterisiert“ und damit seiner politischen Motivation beraubt worden sei (vgl. S. 55). Positive Beispiele u. a. aus Berlin und Hamburg zeigen aber, dass es doch gelingen kann, „eine starke, selbstbewusste und alle Bevölkerungs- und Bildungsschichten umfassende Form der demokratischen Mitgestaltung zu etablieren“ (S. 58).

 

Praxisbeispiele

Die „Bunte Praxis des Community Organizing“ wird im Hauptteil des Bandes an zahlreichen Projekten, Kampagnen, Initiativen und Beispielen – u. a. von Michael Rothschuh am CO in Hamburg-Wilhelmsburg, von Monika Götz mit der Bürgerplattform WIN in Neuköln oder mit der Kampagne „Operation Übernahme“ der IG Metall Jugend – erläutert. Es folgen Interviews mit jenen, die in Deutschland von CO gelernt haben und dieses umsetzen. Zudem finden sich über das Buch verteilt „Statements“ weiterer Aktiver.

Dieter Oelschlägel, Professor emeritus für Methoden der Sozialen Arbeit und Erwachsenenbildung, erinnert in seinem Ausblick an die „Substanzkrise des Politischen“ (S. 229), verursacht durch einen Rückzug des Staates und die Liberalisierung der Finanzmärkte. „Die öffentliche Diskussion wird zunehmend von ungewählten Experten und Lobbyisten beherrscht“ so Oelschlägel, und hält fest, dass in der heutigen Postdemokratie der Bürger infolge der ungeheuren Machtfülle internationaler Konzerne einen massiven Kontrollverlust erleide. Diese Entwicklung müsse eine Reform demokratischer Strukturen zur Folge haben. Dezidiert beschäftigt sich Oelschläger auch mit dem Verhältnis von Gemeinwesenarbeit und CO. Es sei Aufgabe beider, “Bedingungen von Alltagssolidarität zu schaffen, die sich offensichtlich in modernen Gesellschaften nicht ohne weiteres ergeben“ (S. 236). Dazu gehöre u. a. der Aufbau von Unterstützungsnetzen, das Zur-Verfügung-Stellen von sanktionsfreien Räumen als Gelegenheit für Austausch, Kommunikation und Information.

Alles in allem ein Band, der klar benennt, worum es geht und was zu tun wäre. Alfred Auer

 Handbuch Community Organizing. Theorie und Praxis in Deutschland. Hrsg. v. d. Stiftung Mitarbeit u. d. Forum Community Organizing (FOCO). In Kooperation mit DICO – Deutsches Inst. f. Community Organizing. Bonn 2014. (Arbeitshilfen für Selbsthilfe- und Bürgerinitiativen Nr. 46), 248 S., € 12