Globale Gesellschaft - Globalisierung - die Begriffe des Jahres 1997 - offenbar unausweichlich, aber in ihrer Realisierung bzw. Auswirkung höchst umstritten. Perspektiven der Kultur- und Sozialwissenschaften zu diesem Thema manifestierten sich bei einem interdisziplinären Symposion in Passau. Ein zentrales Anliegen war dort, neben Beispielen der Globalisierung aus speziellen Bereichen der Wirtschaft und Technik über den theoretischen Rahmen des Phänomens nachzudenken. Einen zweiten Schwerpunkt bildete die Frage, in welchen Bereichen der Wissenschaft und der Alltäglichkeit Globalisierung eine Rolle spielen kann.

Beide Gedankengänge kreuzen sich in der Psychologie. Sie hat sich bis dato nach Ohler/Nieding mit Globalisierung lediglich marginal auseinandergesetzt, was sich allein durch ihre Nichtthematisierung in einschlägigen Handbüchern dokumentiert. Der Grund dafür ist in einem auf entwicklungspsychologischen Erkentnissen basierenden Apriori zu sehen: die grundlegenden Denkstrukturen sind universell, und damit ist die Voraussetzung für eine globale Gesellschaft gegeben. Peter Ohler und Gerhild Nieding hinterfragen diese These in ihrem Beitrag vehement und postulieren, daß die Psychologie sich mit alternativen Kognitionskonzepten (Weisen-der-Welterzeugung-Ansätzen) auseinandersetzen solle. Geschieht dies nicht, so erhöht sich in Zukunft die Gefahr, daß eine weltweite Homogenisierung der sozialen Umformung von Weltbezügen stattfindet. - z.B. die generelle Einführung von Schulsystemen westlicher Prägung.

Ulrich Bartosch, Pädagoge und Politologe, greift eine globale Perspektive auf, die schon Carl Friedrich von Weizsäcker vor 25 Jahren unter völlig anderen politischen Voraussetzungen als unausweichlich notwendig darstellte: Weltfrieden, der nur durch adäquate Weltinnenpolitik erreichbar ist. Nach Weizsäcker ist der Zustand des Weltfriedens zwar noch nicht das "Goldene Zeitalter", er ist nur unter den größten Anstrengungen zu erreichen, aber er ist unausweichlich in unserer wissenschaftlich-technischen Welt der Gegenwart und vor allem der Zukunft. Die Etablierung des Weltfriedens ist ein Prozeß von der Kriegsverhütung über eine aktive und vollständige Weltinnenpolitik zum politisch gesicherten Weltfrieden. Institutionen bzw. Hilfen in diesem Prozeß sind (nach Czempiel, der dieses Konzept auf ei ne Erhöhung der Effizienz der Vereinten Nationen bezieht) Parlamentarisierung als globaler Vernetzungsprozeß einzelstaatlicher Souveränität. Abrüstung und Einstellung des Waffenhandels sind die weiteren zentralen Voraussetzungen; stattdessen sollten vertrauensbildende Maßnahmen gesetzt werden.

Und schließlich steht die Notwendigkeit der Demokratisierung aller beteiligten Herrschaftssysteme auf dem Weg zum Weltfrieden. Was allerdings nicht bedeuten soll, daß aller Welt das westliche Demokratieverständnis übergestülpt werden soll, sondern daß der Westen dazu aufgerufen ist, durch Hilfe aller Art jene äußeren Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine kulturspezifische Demokratisierung ermöglichen.

S. Sch.


Globale Gesellschaft? Hrsg. v. Peter Schimany ... Frankfurt/M.: Lang, 1997.295 S. (Perspektiven der Kultur- und Sozialwissenschaften) DM 72,- / sFr 65,50 / öS 533,-