Kwane Anthony Appiah berichtet in seinem neuen Buch über „ethische Experimente“. Ziel seiner Auseinandersetzung ist es, uns näher zu einer Antwort auf die Frage zu bringen, was ein gutes Leben ist. Appiah bezieht sich auf den Begriff eudaimonia von Aristoteles, der bedeutet, gut zu leben und Gutes zu tun.

 

Moralphilosophen versuchen diese Frage natürlich seit langer Zeit zu beantworten. Appiah leistet dazu an dieser Stelle vier Beiträge. Der erste stellt das Bemühen dar, durch das Öffnen von Türen zu natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen einer Antwort näher zu kommen. Interdisziplinarität ist kein selbstverständliches Unterfangen: Ist die Suche nach Gut und Böse nicht die Hoffnung, etwas jenseits unseres Seins zu haben, das uns den Weg weist?

 

Appiah versteht das Argument, meint aber, dass es Zeit sei, darüber hinweg zu gehen. Schließlich hätten abstrakte Bestimmungen von Gut und Böse oft Ideale hervorgebracht, die von den Menschen nicht befolgt werden konnten. Er schreibt: „Wie können wir Menschen ein Ideal ernst nehmen, hinter dem wir als menschliche Wesen so weit zurückbleiben müssen?“ (S. 37)

 

Experimente hatten in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, dass das moralische Verhalten von Menschen sehr oft von Faktoren beeinflusst war, die moralisch irrelevant waren. Ein besonders bildhaftes Beispiel war, dass Menschen unter dem Einfluss des Duftes einer Bäckerei moralisch anders handelten als an anderen Orten.

 

Ideale müssen demnach die menschlichen Fähigkeiten und ihre Interaktion mit der Welt berücksichtigen. „Wenn wir mit Aristoteles fragen, was ein gutes Leben ist und wie wir es erreichen, kann es für die Frage, was wir sein sollten, nicht  gleichgültig sein, was wir sind.“ (S. 31) Wie die Fähigkeiten im Hinblick auf moralisches Handeln beschaffen sind, kann uns unter anderem die experimentelle Psychologie andeuten, die Ökonomie hat etwas dazu zu sagen, die Soziologie und auch die Anthropologie sind es nach Appiah wert, befragt zu werden.

 

Moral entsteht bei Appiah somit nicht abseits von Erlebnissen. Sein zweiter Beitrag setzt nun bei der Interaktion der Menschen an: Wenn ich sage, mein Ziel ist es, ein gutes Leben zu gestalten, kann ich davon ausgehen, dass auch andere Menschen versuchen, ein gutes Leben auf die Beine zu stellen. Die Moral erwächst aus einem Verständnis für die Ziele anderer Menschen. Sie ist kein System willkürlicher Gebote und Verbote. Und das zentrale Ziel aller Menschen ist die zentrale ethische Aufgabe: Jeder von uns gestaltet sein Leben. (S. 208)

 

Kritisch kann eingewendet werden, warum sollte ich anderen Menschen – auch wenn ich verstehe, dass sie das wollen – zugestehen, dass ich Kompromisse gegenüber ihren Bemühungen machen muss? Der Philosoph meint, dafür habe er eben Indizien: „Wir besitzen Fähigkeiten wie Sensibilität gegenüber menschlichem Leid oder Gefühle wie Empathie, Sympathie und Mitgefühl, die uns helfen können, unser Leben dem Leben anzunähern, das wir führen würden, wenn wir die Tugend des Mitgefühls in ihrer vollkommenenen Gestalt entwickeln könnten.“ (S.63)

 

Freilich sagt Appiah – und das ist sein dritter wichtiger Punkt – verfolgen wir dieses Ziel mit begrifflichen Ressourcen und mittels der sozialen Institutionen einer menschlichen Welt. (S. 169) Im Klartext: Die wirkliche Welt ist oft sehr kompliziert, moralisch richtiges Handeln ist oft von einer Komplexität, derer wir nicht gerecht werden können. Wie lange müssten wir wirklich nachdenken, wenn wir unseren Wochenendeinkauf machen, wollten wir einer Moral absolut gerecht werden? Appiah: Als unvollkommene Wesen sollten wir Regeln folgen, mit denen wir leben können und die uns möglichst oft zu denselben Ergebnissen führen, zu denen ein vollkommen rationales Wesen gelangen würde. (S.60) Der Autor geht davon aus, dass uns Menschen nichts anderes übrig bleibt, als moralisch richtiges Verhalten zu schätzen, also heuristisch zu leben.

 

Was aber bringt uns eine Entscheidung auf der Grundlage von Daumen mal Pi, wenn es um Leben und Tod geht? Man könnte eine Vielzahl von Extremsitutionen konstruieren, wo dies verheerende Folgen hat. Sein vierter Punkt ist eine Kritik dieser Konstruktion von Dilemmata: Nicht die Extremfragen dominieren unser Leben. Es geht um den Kern vernünftiger Lebensgestaltung, nicht um ihre unscharfen Ränder. Deswegen sei heuristisches Verhalten gerechtfertigt.

 

Wenn heuristisches Verhalten aber in Extremsituationen versagt, wird es darum gehen, diese zu vermeiden. Hier kann nun die weitere Debatte anknüpfen. Eine Schlussfolgerung könnte sein, dass menschliches Handeln Institutionen schaffen soll, die moralische Extremsituationen verhindern. S. W.

 

Appiah, Kwame A.: Ethische Experimente. Übungen zum guten Leben. München: Beck, 2009. 267 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 34,80

 

ISBN 978-3-406-59264-5