Gelegentlich schrecken uns Schlagzeilen über besonders krasse Fälle von Organhandel. Experimente mit Klonen, Fortpflanzungsmedizin. Diese Berichte sind aber nur die Spitze eines Eisbergs; unter der Oberfläche hat sich bereits eine prosperierende Industrie mit glänzenden Profiten entwickelt. Kimbrell, Rechtsanwalt und Publizist an der Foundation on Economic Trends in Washington, leuchtet diese “Körperindustrie" verdienstvollerweise umfassend aus.

In einem ersten Abschnitt geht er auf den erstmals schon vor 500 Jahren als Ware gehandelten "Körperteil" zurück: das Blut, das auch heute noch das umsatzstärkste "Produkt" des Körpers ist, was etliche sehr problematische Verwertungspraktiken ausgelöst hat. Noch erheblich bedenklicher sind die Organverpflanzungen, bei denen das kommerzielle Interesse oft ethische Grenzen überschreitet, etwa wenn Menschen aus der Dritten Welt zum Verkauf ihrer Organe bewegt, wenn Hingerichtete "ausgeschlachtet" oder gar Versuche unternommen werden, den Zeitpunkt des Todes im Interesse der Entnahme möglichst funktionstüchtiger "Ersatzteile" nach vorne umzudefinieren; hierher gehören auch die Machenschaften mit Gewebe und Körperteilen Ungeborener, die bis zur Vivisektion gehen.

Ein nächster Abschnitt, "Die Babyfabrik" beschäftigt sich mit den "Errungenschaften" der Fortpflanzungsmedizin: „16 Wege, ein Kind zu zeugen", "Babyhandel". "Menschliche Brutkästen", "Das perfekte Kind" sind einige der sprechenden Überschriften. Teil 3 ist dem Gengeschäft gewidmet, das von der Heilung längst zur Manipulation "fortgeschritten" ist und sich in der Produktion von "Tiermaschinen", Patenten auf Lebensformen bis zu Klonversuchen an menschlicher Substanz gottähnlich gebärdet. Im abschließenden Teil, "Aufstieg und Fall der Körperindustrie ", zeigt Kimbrell geschichtliche, religiöse und philosophische Wurzeln der Entwicklung auf, die den Menschen nicht mehr als unverfügbares Ebenbild Gottes, sondern als Rohstofflager betrachtet.

Gegen die Anwendung der Maschinen- und Vermarktungsstrategien des Industriezeitalters auf den Menschen selbst stellt der Autor eine "Körperrevolution", in der die Herrschaft von Markt, Profit und Effizienz durch Einfühlung, durch ein ganzheitliches Bewußtsein und durch das Prinzip des "Gabentauschs" abgelöst wird. Oder, wie es Ellis Huber, einer der Protagonisten der deutschen Gesundheitsbewegung in seinem für die deutsche Ausgabe formulierten Nachwort sagt: Es geht um "Ethik statt Monetik".

M. R.

Kimbrell, Andrew: Ersatzteillager Mensch. Die Vermarktung des Körpers.

Frankfurt/M. (u.a.): Campus, 1994, 278 S., DM 39,80 / sFr 39,80 /öS 311