Jamie Metzl

Der designte Mensch

Ausgabe: 2020 | 2

Der US-amerikanische Wissenschaftsjournalist Jamie Metzl zeigt in seinem Buch Der designte Mensch, dass die gentechnische Revolution rasant voranschreitet und in wenigen Jahrzehnten völlig neue Möglichkeiten eröffnen wird – von der Heilung von Krankheiten über die

„Optimierung“ von menschlichen Embryonen bis hin zu biologischen Superwaffen. Grundton der Publikation: Diese Revolution ist unausweichlich – aber wir können durchaus steuern, in welche Richtung sie geht. Metzl führt zunächst  in  die Grundlagen der Gentechnik ein. Dank gentechnischer Verfahren ist es bereits möglich, Erbkrankheiten in Embryonen zu diagnostizieren. Für die Zukunft sieht der Autor die natürliche Reproduktion als ein Auslaufmodell an und kommt auf In-Vitro-Fertilisation (IVF) und pränatale Gentherapie (PGT) zu sprechen: „Je größer die Zahl schädlicher genetischer Anomalien wird, die dank IVF und PGT vermieden werden können, desto mehr Eltern werden eine Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen, um zwischen der Zeugung eines Kindes auf natürlichem Weg und der Zeugung im Labor abzuwägen.“ (S. 54)

Dass die Genetik in den nächsten Jahrzehnten so weit sein wird, um nicht nur Krankheiten auszuschalten, sondern Charaktereigenschaften wie Intelligenz, Extrovertiertheit oder bestimmte Talente wie Sportlichkeit und Musikalität gezielt zu optimieren, liegt sowohl an der rasanten Entwicklung Künstlicher Intelligenz als auch an neuen Verfahren wie die Genschere CRISPR. Eine standardmäßige Sequenzierung des Genoms wird eines Tages so normal sein, „so wie heutzutage Patienten der Puls gefühlt wird“ (S. 79), was große Fortschritte in der personalisierten Medizin erlauben wird.

Die Revolution der Gentechnik

Die Revolution der Gentechnik lässt sich in vielen Bereichen segensreich einsetzen: Etwa in der synthetischen Biologie, der es vielleicht bald gelingt, künstliche Organe zu züchten, oder beim Kampf gegen das Altern. Die Gentechnik verspricht ein gesundes langes Leben – für Metzel absurd, diese Chance nicht anzunehmen: „Warum aber sollten wir, um all das möglich zu machen, nicht jede Chance nutzen, unser gesundes Leben so weit auszudehnen, wie es unsere Biologie und Technologie erlaubt?“ (S. 231)

Dennoch tun sich viele ethische Fragen auf. Die Änderung des menschlichen Erbguts bedeutet eine Änderung der Spezies insgesamt, da ja dieses Erbgut über Generationen weitergegeben wird. Dazu kommt, dass künftigen „optimierten“ Generationen Handlungsspielraum genommen wird: Noch nie war die Macht der Eltern größer, Lebenswege für ihre Kinder vorzuzeichnen. Es wäre zudem töricht, sich nicht über potenzielle Gefahren Gedanken zu machen, etwa wenn durch einhellige Optimierung die Vielfalt unserer Spezies abnimmt und wir mehr verlieren als gewinnen. „Derartige Optionen, die die Vielfalt unserer Spezies reduzieren würden, hätten nicht nur enorme negative soziale Folgen, sondern würden uns möglicherweise auch noch unbekannten Risiken aussetzen.“ (S. 253) Besonders hellhörig gilt es im Hinblick auf soziale Folgen zu sein: Es dürfe nicht passieren, dass privilegierte Menschen ihren Nachwuchs optimieren, arme Menschen jedoch nicht, und so langfristig eine Klasse von genetischen Verlierern geschaffen würde – eine „Horrorshow“ für den Autor (S. 254).

Für eine grüne Gentechnik

Hart geht Metzl mit der nach seiner Ansicht irrationalen Paranoia gegenüber grüner Gentechnik ins Gericht: Dank der Lobbyarbeit von Umweltschutzorganisationen glaubten weite Teile der Bevölkerung an Gesundheitsrisiken und Umweltschäden durch Gentechnik, während vor allem Bauern in Entwicklungsländern die Chancen auf neue Entwicklungsmöglichkeiten genommen würden. Ähnliches gilt für die Pränatal-Diagnostik oder bestimmte Formen der Reproduktion, wie die Eizellenspende. Die Menschheit täte gut daran, für diese und alle anderen Fragen zur Gentechnik ein gemeinsames Regelwerk zu erstellen: Nichts wäre verheerender als ein globales gentechnisches Wett­rüsten. Metzl denkt an ein internationales Übereinkommen, ähnlich dem Atomwaffensperrvertrag, der ein unkontrolliertes Ausbreiten von gentechnischen Verfahren verhindern soll. Jamie Metzels Buch ist ein Weckruf für eine bislang vernachlässigte Debatte. Der Autor legt offen, dass er Gentechnik für eine großartige Chance für Menschen hält – aber sie bleibt eine Hochrisikotechnologie, die behutsamen Umgang, aktive Regulierung, internationale Koordinierung und eine breite gesellschaftliche Debatte braucht. Kritisch sei angemerkt, dass Metzl Gegenargumente zur Gentechnik zwar erwähnt, aber nie wirklich darauf eingeht – etwa, wenn es um die reduzierten Handlungsspielräume „optimierter“ Kinder geht. Ein gesellschaftlicher Nachdenkprozess ist unausweichlich.