Wenn über Bürgermitbestimmung und zivilgesellschaftliches Engagement gesprochen wird, bleiben jene meist außen vor, die in der Regel auch die geringste politische Vertretung haben: die sozial Benachteiligten. In einer Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung wurde nun für Deutschland das freiwillige Engagement sowie das Partizipationspotenzial dieser Gesellschaftsgruppe untersucht.

 

Wer sind die sozial Benachteiligten? Durch welche ökonomischen und sozialen Merkmale werden sie bestimmt? Und welche Einstellungen zu Politik und Demokratie hat diese Gesellschaftsgruppe? Diesen und weiteren Fragen geht die Studie nach. Der Politologe und Leiter der Studie Franz Walter zeichnet einleitend ein beklemmendes Bild: Anders als das Arbeiterproletariat in der Frühzeit der Industrialisierung, dem durch die Arbeiterbewegung eine positive Identität und Solidarität gegeben wurde, werde das neue „Prekariat“ abgedrängt und abgewertet: „Die Lohnabhängigen mochten früher über Ausbeutung geklagt haben. Die Entbehrlichen der postindustriellen Gesellschaft mussten bekümmert feststellen, dass sie mittlerweile niemand mehr ausbeuten wollte, da die Ausbeute ihres Arbeitsvermögens dem Besitzbürgertum nicht mehr genügte. Sie waren diejenigen, die übrig blieben, als die Fabrikarbeit verschwand.“ (S. 14)

 

 

 

Die „moderne“ Unterschicht

 

In Anlehnung an eine Sinus-Studie unterscheidet Walter dabei die „traditionelle“ von der „modernen“ Unterschicht. Während erstere noch unterwürfig, bescheiden und unauffällig ihr Dasein fristeten, würden die modernen Unterschichten der Jungen durchaus von der gängigen Freizeitgesellschaft geprägt: Sie seien keine Freunde von „Disziplin, Langfristigkeit, Triebaufschub“ (S. 20). „Freizeit, Spaß, Unterhaltung, Ablenkung, Traumwelten, und Bodykult – in diesen Chiffren drücken sich die Alltagsphilosophien und die Lebensbewältigung der modernen Underclass aus.“ (ebd.) Was wie ein Klischee klingen mag, beschreibt der Politologe jedoch als politischen Sprengstoff: positive kollektive Entwürfe für eine bessere gesellschaftliche Zukunft würden fehlen, ebenso solidarische Organisationsformen – ein guter Nährboden für Politik- und Demokratieverdrossenheit.

 

Ausgehend von diesem Befund machte sich das ExpertInnen-Team des Göttinger Instituts für Demokratieforschung auf dem Weg, die (Nicht)-Teilhabe und das soziale Engagement der sozial Benachteiligten zu ergründen. Ein naheliegendes Ergebnis: sowohl im Bereich der Mitwirkung in Vereinen oder politischen Gruppierungen als auch hinsichtlich Wahlbeteiligung schneidet die Gruppe der neuen „Underclass“ schlecht ab. Gesprochen wird von einer Spaltung auch der Bürgergesellschaft: „Während auf der einen Seite die modernen Bürger Netzwerke knüpfen und ihre Interessen über zivilgesellschaftliche Arbeit potentiell in den staatlichen Entscheidungsprozess einbringen können, verabschieden sich die gesellschaftlich Benachteiligten samt ihrer ganz anders gelagerten Bedürfnisse aus der öffentlichen Wahrnehmung.“ (S. 45)

 

 

 

Lokales Engagement

 

Und doch ergab die Studie bei genauerem Hinsehen ein etwas differenziertes Bild. So ist die betroffene Gesellschaftsgruppe nicht nur nicht in der Bürgergesellschaft engagiert, sie kann mit diesem Begriff auch gar nichts anfangen. Statt von Engagement werde von gegenseitiger Hilfe etwa in der Nachbarschaft oder – bei MigrantInnen – auch vermittelt über religiöse Vereine gesprochen. Die Studie schließt daher mit einigen Empfehlungen, die von einer differenzierteren Wahrnehmung von „Bürgerengagement“ ausgehen. Einige sollen hier wiedergegeben werden. So sind die Angehörigen der sozial benachteiligten Schichten viel stärker als finanziell und sozial besser Gestellte auf die lokale Ebene, das Stadtviertel, das Wohngebiet fixiert. Aktivitäten müssten daher dort ansetzen.

 

Engagement erfordere viel Selbstzutrauen, was diesen Menschen meist fehle, so ein weiteres Ergebnis. Besondere Bedeutung wird in der Studie daher so genannten „ViertelgestalterInnen“ zu gesprochen, Menschen, die besser gebildet sind, eine höhere soziale Stellung einnehmen, aber im Viertel bleiben. Sie müssten Initiative ergreifen und ihre MitbewohnerInnen sozusagen mitziehen. Hierfür werden auch infrastrukturelle Maßnahmen wie Stadtteilzentren, QuartiersmanagerInnen als Impulsgeber oder die Ausbildung von „Viertelkindern“ bzw. „Stadtteilmüttern“ vorgeschlagen. Da Kinder eine wichtige Brücke für das „Mitmachen“ auch bei sozial schlechter Gestellten darstellen, sollten auch Maßnahmen in diese Richtung ausgeweitet werden, etwa durch die Bitte, bei Schulfesten oder bei der Sanierung eines Spielplatzes mitzuwirken. Sinnvoll sei auch, Erwachsenenaktivitäten parallel zu denen der Kinder stattfinden zu lassen. Dabei sollten auch religiöse Vereine und Einrichtungen eingebunden und genutzt werden. Überdies wird die unmittelbare Vertretung von ViertelbewohnerInnen in politischen Ämtern und Entscheidungsfunktionen empfohlen.

 

Allesamt Empfehlungen, die wohl auch für österreichische Städte bzw. eine auf Beteiligung achtende Stadtteilarbeit in Österreich nützlich sind. H. H.

 

 

 

 Klatt, Johanna; Walter, Franz: Entbehrliche der Bürgergesellschaft? Sozial Benachteiligte und Engagement. Bielefeld: transcript, 2011. 250 S. (Gesellschaft der Unterschiede; 3) € 20,40 [D], 21,- [A], sFr 34,70

 

ISBN 978-3-8376-1789-4