Man kann es drehen und wenden wie man will: die Befürchtungen, daß Österreich durch einen Beitritt zum Gemeinsamen Markt seine "immerwährende Neutralität" auf dem Altar wirtschaftlichen Profits wird opfern müssen, sind ernst zu nehmen. Ob dieses Opfer indes lohnt, ist mehr als fraglich. Die Hoffnung auf Wachstumsraten zwischen 5 und 70/0 wird vor allem Industrie und Gewerbe dem Binnenmarkt entgegenfiebern lassen, die erwartungsvolle Erhitzung sollte jedoch einer nüchternen Betrachtung der technokratischen Visionen und Versprechungen weichen. _ Als EG-Mitglied verliert Österreich seinen außen- und friedenspolitischen Handlungsspielraum. könnte nach und nach in die militärstrategischen Überlegungen der NATO eingebunden werden und vor allem unter dem Druck des "freien Warenflusses gezwungen sein, selbst die (erweiterbaren) Maßnahmen ökologischer Vernunft unter dem Diktat der Brüsseler Integrationspolitik zu revidieren. Lebensmittel von minderer Qualität, die Rücknahme der Kat-Regelung, selbst die Aufhebung des Atomsperrgesetzes könnten die Folge sein. Mag letzteres Vermutung sein, so ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die prognostizierte Verdoppelung des Gütertransitvolumens in nur 10 Jahren und der beschleunigte Niedergang landwirtschaftlicher Kleinbetriebe negative soziale und ökologische Folgen haben wird. Die kulturelle Identität, um derentwegen gerade Österreich (heute noch) geschätzt wird, wäre durch den Binnenmarkt Europa ein Stück weiter demontiert. Daß gerade ein kleines Land die Chance (und vielleicht auch Verpflichtung) hätte, einen anderen gesellschaftspolitischen Entwurf zu wagen, wird in einem kurzen, diesen Band beschließenden Interview mit Robert Jungk angedeutet.

Manchen Leser wird die zuweilen ins Polemische gehende Diktion irritieren, mit welcher den Argumenten der EG-Befürworter begegnet wird. Wichtiger jedoch ist die umfassende, alle wesentlichen Bereiche abdeckende Analyse. Die hier geäußerten Bedenken würden es in der Tat verdienen, deutlicher vernommen zu werden, als dies im lauten, doch keinesfalls überzeugenden "Chor der lntegranten" vorerst noch der Fall ist. 

EG - Verkaufte Umwelt, verkaufter Friede. Umwelt und sicherheitspolitische Aspekte einer EG-Annäherung. Hrsg.: ARGE Zivildienst (u. a.) Wien: Eigenverl., 1989. 112 S.