Bei der Diskussion der Fragestellung, welche Besonderheiten des politischen Systems Österreichs im Zuge der europäischen Integration verstärkt unter Druck geraten und einer wie auch immer gearteten “Europäisierung" ausgesetzt sein werden, nimmt die Sozialpartnerschaft einen prominenten Platz ein. Der am Institut für Soziologie der Grazer Universität tätige Manfred Prisching nähert sich dieser Thematik in mehreren Schritten. Neben einer Skizze der Rahmenbedingungen der konstatierten sozialpartnerschaftlichen Krise (Auflösung klarer Trennlinien zwischen den gesellschaftlichen Klassen, Verlust traditioneller Wählerbindungen und Lagerorientierungen etc.) widmet sich der Autor dabei zunächst einem ausgesprochen interessanten Aspekt, nämlich der "Sozialpartnerschaft in den Köpfen", also der ideologischen Funktion sozialpartnerschaftlicher Konfliktregelung. Dabei zeigt sich, daß die sozialwissenschaftlichen Paradigmen, welche die gesellschaftliche Wahrnehmung der Sozialpartnerschaft bestimmten, im Laufe der Zeit erheblich differierten: von einem Vorbild haften Konsensmodell bis zur demokratiefeindlichen Verbändeherrschaft, von wohltuender gesellschaftlicher Stabilisierung bis innovationshemmender bürokratischer Sklerotisierung reichten und  reichen Interpretationen dieses Phänomens. In diesem Teil der Studie versteht es Prisching geradezu mustergültig, komplexe Fragestellungen der Verbände- und Korporatismusforschung zu komprimieren und übersichtlich darzustellen. Dem speziellen Problem der Pflichtmitgliedschaft in den Kammern widmet er sich im daran anschließenden Teil. Dabei wird die wenig überraschende Schlußfolgerung gezogen, daß die Abschaffung des auf verpflichtender Mitgliedschaft basierenden Systems gesetzlicher Interessenvertretungen unweigerlich auch das Ende der Sozialpartnerschaft in ihrer bisherigen Form nach sich ziehen würde, womit Prisching die Befürchtung einer geringeren Wirksamkeit gesamtwirtschaftlicher Interessen verknüpft. Überlegungen zur notwendigen Neuorientierung der Sozialpartnerschaft in Folge der Dynamik der europäischen Integration, der damit verbundenen Veränderungen im Bereich der Arbeitswelt und gesellschaftlicher Werthaltungen, beschließen die Studie. Es sei die Zeit der knappen Thesen, nicht der großen Programme, so versucht der Autor allzu hochgeschraubten Erwartungen an perspektivische Ausblicke und Szenarien gleich zu Beginn den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch der appellative Ausklang des Buches, der soziale Gerechtigkeit, den Abbau schwerfälliger bürokratischer Strukturen, die Abschaffung von Privilegien und ähnliches ins Spiel bringt, bleibt weitgehend unverbindlich und macht deutlich, daß auch elegant formulierte Gemeinplätze letztlich Gemeinplätze bleiben. G. S.

Prisching, Manfred: Die Sozialpartnerschaft. Modell der Vergangenheit oder Modell für Europa? Eine kritische Analyse mit Vorschlägen für zukunftsgerechte Reformen. Wien: Manz, 1996. 213 S.