Der oftmals querdenkende Theologe Hans Küng wirft einen Blick in die Vergangenheit und Gegenwart seines Heimatlandes, um Maximen für die Zukunft zu entwerfen. Hatten sich die Eidgenossen vor 50 Jahren zu Recht gegen die faschistischen Nachbarländer abgeschottet, so ist dieses Isolationsbedürfnis in der heutigen Situation für Küng nicht mehr akzeptabel. Seine Landsleute sollten ihre Zukunft mit den europäischen Nachbarn gestalten, sich in der EG engagieren, in die sie auch eine Menge einzubringen hätten: demokratische Tradition, wirtschaftliches Potential, soziale und kulturelle Vorbilder aus Vergangenheit und Gegenwart (Zwingli, "Rotes Kreuz", Pestalozzi, Dürrenmatt, Frisch etc.)  realisierte Integration verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen. Das sind Werte und Fähigkeiten, auf die sich die Schweizer zunächst einmal selbst zurückbesinnen müssten. Ausgesprochen optimistisch gibt sich der Autor hinsichtlich der Verteilung der Kompetenzen zwischen der Brüsseler Bürokratie und den Mitgliedstaaten der EG bzw. ihren Regionen. Küng will nämlich ein Gutteil davon bei Bund und Kantonen belassen wissen und glaubt, diese Vorstellung auch in den Vertragswerken der Gremien und in den Äußerungen der Europapolitiker wiederzufinden. Wie schwierig dieser Problemkreis tatsächlich ist, zeigt der zuvor besprochene Sammelband. S. Sch.

Küng, Hans: Die Schweiz ohne Orientierung? Europäische Perspektiven. Zürich: Benzinger, 1992. 117 S., DM 19,80 / sFr 16,80/ öS 154,40