Das Modell „Neustart Schweiz“ mag auf den ersten Blick wie auf dem Reißbrett entworfen erscheinen, es erinnert aber daran, dass jegliches Leben und Wirtschaften sich in physischen Räumen vollzieht; es zeigt, dass die gegenwärtige Form der Individualisierung durch Konsum nicht zufriedenstellend ist, die Potenziale von Gemeinschaften darin brach liegen und hohe Folgekosten verursachen; das Modell macht schließlich ernst mit der Herausforderung der radikalen Reduzierung unseres Ressourcenverbrauchs und ist somit die seriöse Antwort auf die sich zuspitzende ökologische Krise. P. M. setzt auf eigenständige Menschen, eine Neubelebung der Demokratie, die wieder auf die Füße gestellt wird, eine „Mischung von kollektiver Eigenverantwortung und administrativer Vereinfachung“, und er weiß schließlich, dass die Umsetzung nicht von oben verordnet werden, sondern von unten begonnen und durch Ansteckung vorangebracht werden kann. „Neustart Schweiz“ ist somit keine neue Organisation, „sondern nur ein Versuch, eine Reihe von wichtigen Themen in ihrem Zusammenhang darzustellen“ (S. 88). P. M. hofft auf „500 Neustart-Punkte“ in der Schweiz, die idealer Weise in allen zukünftigen Basisgemeinden entstehen sollten. Sie bildeten das Netzwerk derer, die in Eigeninitiative die „hier dargestellten Themen diskutieren und daraus Handlungsstrategien machen möchten“ (S. 89). „Neustart Schweiz“ ist somit auch eine „Diskussionsplattform für schon Organisierte“. Eine spannende Idee – nicht nur für die Schweiz!

 

 

 

KASTEN: Herzstück von „Neustart Schweiz“ ist die Neuorganisation des Lebens vor Ort. Im Mittelpunkt stehen die Ernährungs- und Energiesouveränität, die durch hochwertige, regionale Lebensmittelversorgung, Lebensweisen in kooperativen Nachbarschaften und eine Aufwertung der Nahräume verwirklicht werden soll. Der Autor erkennt in der Vereinzelung, die nichts mit wirklicher Individualität zu tun habe, sowie in der (geografischen) Zerstreuung bzw. Zersiedelung die Haupthindernisse einer nachhaltigen Lebensweise. Der räumlichen Neuordnung kommt daher in der Vision von P. M. eine wesentliche Bedeutung zu. Die kleinsten Einheiten, sogenannte Life Maintainance Organisations (LMOs), umfassen Nachbarschaften von etwa 500 Personen, in denen das Wohnen organisiert wird. In Basisgemeinden von bis zu 20.000 Personen werden Schulen, Gesundheitsdienste sowie die lokale Energieversorgung realisiert. In den darüber liegenden Agro-Urbanen Regionen von 100000 bis einigen Millionen Menschen, den derzeitigen Stadt-Umland-Regionen vergleichbar, wird der Großteil der Lebensmittelversorgung sowie der Güter des alltäglichen Bedarfs organisiert. Autonome Territorien von 5 bis 10 Millionen Einwohnern beinhalten die regionale Industrie, die öffentliche Mobilitätsinfrastruktur, die zentralen Energiedienstleister sowie Universitäten. Maschinen, Fahrzeuge, Chemieprodukte  oder Energietechnologien könnten auf subkontinentalen Räumen von bis zu 500 Millionen Menschen erzeugt werden. In einer Planetarischen Organisation würden schließlich die Verteilung von Rohstoffen, der Austausch von Wissen und Knowhow, die Verteilung von Medikamenten sowie die Katastrophenhilfe koordiniert. Auch Wissenschaft, Musik, Literatur, Kunst und Softwareentwicklung sollen in globalem Austausch stattfinden. (vgl. P. M. in , S. 34ff.) H. H.

 

P. M.: Neustart Schweiz. So geht es weiter. Zürich: Edition Zeitpunkt, 2008. 92 S., € 13,- [D], 13,40 [A], sFr 22,-, ISBN 978-3033-01779-5