Bedenkenswertes, mehr noch Bedenkliches fördert das hier in gebotener Kürze vorgestellte, zur eingehenden Lektüre aber nachdrücklich empfohlene „empirische Lesebuch“ zutage, das im Rahmen der „Europäischen Wertestudie“ von einem renommierten Expertenteam erhobene Befunde zusammenfasst. Nach 1990 und 1998 gibt der Band zum dritten Mal Auskunft über Werthaltungen der Österreicher/innen zu zentralen gesellschaftlichen Themen. Dabei werden nicht nur aktuelle Stimmungslagen nachvollziehbar, sondern vor allem auch Vergleiche im Verlauf von 20 Jahren deutlich. Dass sich die AutorInnen nicht damit begnügen, aktuelle Daten und Fakten zu benennen, sondern zugleich Stellung beziehen, immer wieder auch ihrem Befremden, ja ihrer Sorge in Anbetracht der konstatierten Ansichten von Einsichten von „Herr und Frau Osterreich“ bekunden, ist positiv hervorzuheben und stellt dem Wissenschaftsverständnis der beteiligten ExpertInnen ein gutes Zeugnis aus. Mit gutem Grund, so die HerausgeberInnen im Vorwort, hätte der Band auch „Die Unzufriedenen“ heißen können, denn „bei der Analyse der umfangreichen Daten und bei den Diskussionen der AutorInnen ist immer wieder ein Unbehagen zu Tage gekommen: Für die Bevölkerung des siebtreichsten Landes der Welt scheinen uns die Ergebnisse der Wertestudie relativ negativ kommentiert zu sein. Es ist eine Art Unzufriedenheit auf hobem Niveau, die an vielen Stellen der Daten durchkommt. „Trotz hoher materieller Ausstattung, viel Wohlstand und einem soliden Sozialsystem sehen die ÖsterreicherIinnen vieles in Beruf, Familie, Religion und Politik skeptisch“ (S. 9). Einige Befunde mögen das im Folgenden exemplarisch belegen.

 

Das einleitende Kapitel stellt unter der Überschrift ‚„Werte“ - Versuch einer Klärung’ zunächst wesentliche Kriterien des Begriffs und seine aktuellen Konnotierungen zur Diskussion: Aspekte wie „Transformationsdruck und Visionslosigkeit“, der neue „Ruf nach Werten“ und deren Bedeutung im Kontext von „Bildung“ sowie deren unterschiedliche Bedeutung im Kontext von Sozialwissenschaften und Philosophie werden dabei ausgeleuchtet. Im Sinne des in der Studie selbst angewandten Verständnisses werden Werte schließlich „nicht im Sinne moralischer Normen oder Tugenden“, sondern als „Einstellungen zu Werten im Sinn von Lebenserfahrungen“ definiert, „die gesellschaftlich als wertvoll gelten“ (S. 34).

 

Arbeit – so einige Ergebnisse des nächsten Kapitels – ist einem permanenten Wandel unterworfen: 50% (1990: 48%) erachten es etwa als demütigend, „ohne Arbeit Geld zu erhalten“; 60% der Männer, aber nur 39% der Frauen, die weniger als 30 Stunden pro Woche erwerbstätig sind, engagieren sich ehrenamtlich (S. 48); in Anbetracht der Knappheit von bezahlter Arbeit hat das Pochen auf erworbene Ansprüche deutlich zugenommen: 57% der Befragten lehnen die Bevorzugung Jüngerer bei der Eingliederung in kontinuierliche Arbeitsprozesse dezidiert ab (1990: 33%)!

 

 

 

Droht die Spaltung der Gesellschaft?

 

Werfen wir noch einen Blick auf das Politikverständnis der Österreicher/innen: Drei problematische Befunde fassen das aktuelle Politikverständnis zusammen: Konstatiert wird 1.) eine „zunehmende Verweigerung gegenüber der Politik. Selbst die Demokratie ist nicht mehr unumstritten“; 2.) die „Kritik am Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wird lauter“ und „beginnt die Fundamente des Systems selbst zu erfassen“; 3.) die „Einstellungen zu ‚Fremden’, Fremdem und generell Internationalem sind distanziert bis ‚feindlich’“ (S. 208). Im Einzelnen: Vor allem Bürgerinnen aus der Steiermark und Kärnten (79%), sowie an Politik Uninteressierte (63%) und Personen mit restriktiver Einstellung gegenüber Zuwanderung lehnen die Demokratie ab. Insgesamt 1/5 der Bevölkerung (21%) kann sich sehr (5%) oder ziemlich gut (16%) vorstellen, eine/-n „starke/-n Führer/-in (zu) haben, der sich nicht um ein Parlament oder um Wahlen kümmern muss“ (vgl. S. 222f.). Die Ausländerfeindlichkeit liegt im Bundesdurchschnitt bei 55% (und hat damit gegenüber 1998 um 10% zugenommen [S. 232]). Dass 28% der Österreicher-Innen angeben, dezidiert materialistisch zu sein – 1990 waren es noch 13% – muss selbst in Anbetracht der Tatsache, dass dies im europäischen Durchschnitt liegt, nicht nur zu denken geben. Diese und weitere Befunde machen deutlich, wie labil ein vorwiegend auf Individualismus und Profitmaximierung ausgerichtetes Gesellschaftssystem ist. Vor allem eines ist offenkundig: Für eine verantwortungsvolle und zukunftsorientierte Politik, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet weiß, ist akuter Handlungsbedarf gegeben. W. Sp.

 

Die Österreicher innen. Wertewandel 1990 – 2008. Hrsg. v. Christian Friesl … Wien: Cernin, 2009.

 

348 S.,€ 23,-, sFr 40,25; ISBN 978-3-7076-0295-1