Lange vor dem Superwahljahr 2009 beschäftigte sich die Wissenschaft, dokumentiert im vorliegenden Bericht, mit dem sozialen und politischen Wandel, mit Genderorientierungen und mit dem Wahlverhalten im Umfeld der Bundestagswahl 2005. Dabei wurden Themen der empirischen Wahlforschung mit Blick auf Wahlbeteiligung, Parteienbindung und Wahlentscheidungen untersucht. Wir können wohl davon ausgehen, dass die Ergebnisse der Studie im Vergleich zur Bundestagswahl 2009 nicht allzu große Abweichungen aufweisen.

 

Die Analysen damals haben gezeigt, dass auch fast zwei Jahrzehnte nach der Deutschen Wiedervereinigung noch immer deutliche Unterschiede in den Orientierungen von Ost- und Westdeutschen gegenüber der Demokratie bestehen. Dabei ist die Unzufriedenheit im Osten weit bzw. stärker verbreitet. Jüngsten Umfragen zufolge wünscht sich heute jeder 8. Ostdeutsche die Mauer zurück, deren Beseitigung gerade mit großem Getöse gefeiert wurde. Wohl ein Indiz dafür, dass nicht alle Regionen ihren Anteil am Wiederaufbau bekommen haben. Genau diese Unzufriedenheit führt auch heute noch zu Legitimitätsproblemen des politischen Systems.

 

Signifikant ist auch der starke Rückgang bei den Parteimitgliedschaften, auch wenn die einzelnen Parteien sehr unterschiedlich davon betroffen sind. Hinsichtlich der Wahlbeteiligung variiert diese deutlich mit dem politischen Kenntnisstand der BürgerInnen. „Der Befund, dass die Wahlbeteiligung mit steigendem Anteil an zutreffenden Kenntnissen wächst, also stärker auf Wissen als auf Fehlwissen beruht, ist erfreulich.“ (S. 395) Vehement wehren sich die Autoren gegen das Vorurteil vom „dummen Volk“, denn die Bevölkerung ist hochgradig differenziert in ihrem Interesse an und in ihrem Wissen über Politik. Nicht zuletzt sei es nach wie vor die Unberührbarkeit der politischen Klasse und jene freundliche Art, mit vielen Worten absolut nichts Verbindliches zu sagen, die die Kluft zwischen Politik und Gesellschaft immer größer werden lässt. Diese Kluft macht den Einzelnen mutlos und ist für die Stabilität unseres demokratischen Systems auf Dauer gefährlicher als jede politische Auseinandersetzung oder jeder offene kritische Disput. Auch mit Blick auf rechtsextreme Tendenzen müsse der offensive Diskurs geführt werden, dürften Positionen nicht in der X-Beliebigkeit politischer Aussage versanden. A. A.

 

Wähler in Deutschland. Sozialer und politischer Wandel, Gender und Wahlverhalten. Hrsg. v. Steffen Kühnel … Wiesbaden: VS-Verl. f. Sozialwissenschaften, 2009. 466 S., € 49,90 [D], 51,40 [A], sFr 84,80

 

ISBN 978-3-531-16886-9