In den neuen sozialen Bewegungen verwirklichten Menschen jene persönliche und politische Emanzipation die Karl Marx der Arbeiterbewegung zugedacht hatte, die aber von dieser trotz anfänglicher Ansätze nicht realisiert werden konnte, so die Hauptthese der Autorin. Das politische Engagement meist junger Menschen in Initiativen und Bewegungen entspringe mehrheitlich dem Wunsch nach neuen Lebens-, Beziehungs- und Arbeitsformen und ziele damit auf Gesellschaftsveränderung ab. Unter Verarbeitung der zahlreichen Literatur aus und zu den sozialen Bewegungen zeichnet die Autorin ein anschauliches und umfassendes Bild von der noch jungen Geschichte der Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung, der Bürgerinitiativen, Jugendproteste und alternativen Lebensexperimente. Alexa Mohl rückt gegenüber den bisherigen politikwissenschaftlichen Arbeiten über soziale Bewegungen, die vor allem um die Frage der politischen Wirkung der Bewegungen kreisten - eine Zusammenschau der wichtigsten dieser Ansätze und Deutungen ist den eigenen Analysen vorangestellt -, Ziele und Wollen der Bewegungen ins Zentrum der Betrachtung. Dieses Herangehen hat selbst emanzipatorischen Charakter, indem es der bunten Szene der Initiativen und Bewegungen zur "Sprache" verhilft oder - wie Oskar Negt es ausdrückt - die" Potentiale auf den Begriff bringt". Was dabei kritisch zu bedenken bleibt, ist die Gefahr der Idealisierung der Bewegungen, um eben an ihnen den Marx'schen (oder eigenen!) Emanzipationsbegriff festmachen zu können. So fehlen leider Analysen über Krisen, Konflikte und Defizite ebenso wie Berichte über Rückschläge und Scheitern von alternativen Gesellschaftsexperimenten, was aber den emanzipatorischen Wert der Abhandlung nicht schmälern soll. H. H.

Mahl, Alexa: Die neuen sozialen Bewegungen. Eine Formanalyse ihrer emanzipatorischen Praxis. Frankfurt/M. (u.a.): Campus, 1992. 356 S., DM 68,- / sFr 57,60/ öS 530,40