Wir haben uns daran gewöhnt, dass Politik von denen gemacht wird, die sich zu ihren Experten erklärt haben und sie als Beruf ausüben; sie sprechen in unserem Namen, verhandeln über unsere Bedürfnisse und Interessen, agieren und entscheiden an unserer statt, so die Ausgangsthese des Buches. Die Folge sei ein zunehmend sprachloses Gemeinwesen, das der" Vielfalt und Vielstimmigkeit der menschlichen Lebensverhältnisse " den Atem nimmt. Die Autoren fühlen sich dem Ideal der Aufklärung, dem mündigen, selbstbestimmten Bürger verpflichtet. Ihre „Maßverhältnisse des Politischen" stellen hohe Ansprüche, zu ihnen zählen Diskursfähigkeit, Unterscheidungsvermögen, Selbstorganisierung, Aneignung des sozialen und politischen Raumes, Gewinnung von Zeitsouveränität. Öffentlichkeit und Dauer sind immer wiederkehrende Paradigmen. An der "Realpolitik" wird nicht das Moment des Realistischen kritisiert, sondern dass sie "imaginär, realitätslos". also abgehoben von den Menschen agiere. Die vorgelegten "Vorschläge zum politischen Unterscheidungsvermögen" sind dort am stärksten, wo sie die postulierten" Maßverhältnisse des Politischen" an konkreten Ereignissen festmachen, wie etwa in der Analyse des Golfkriegs, der deutschen Wiedervereinigung oder in der Reflexion über Zeit und Arbeitszeit. Sie laufen hingegen dort Gefahr selbst" realitätslos " zu werden, wo die eingeführten Begriffe ihren Gegenstand nicht finden. Das ins Literarische fließende Buch regt zum Wiederlesen und Weiterdenken an, politik-wissenschaftliche Konzepte zu liefern, war nicht die Absicht der Autoren. H. H.

Negt, Oskar; Kluge, Alexander: Maßverhältnisse des Politischen. 15 Vorschläge zum Unterscheidungsvermögen. Frankfurt/M.: Fischer, 1992. 340 S., DM 39,80 I sFr 33,80 / öS 310,40