Wie ist selbstbestimmte Kooperation in einer von Egoismen maßgeblich geprägten Welt möglich? Diese zentrale Frage der politischen Philosophie hat der amerikanische System- und Spieltheoretiker Robert Axelrod aufgegriffen und eine ebenso überraschende wie überzeugende Antwort vorgelegt. Auf der Basis des sogenannten Gefangenendilemmas entwickelte er eine verblüffende These: Nicht die sanfteste oder aggressivste, aber auch nicht die raffinierteste Haltung sichert langfristig das Zusammenwirken zweier Personen oder Gruppen zum Vorteil beider Seiten, sondern die »TIT FOR TAT-Strategie«. Nach dem Prinzip des »Wie du mir, so ich dir« ist eine grundsätzlich wohlwollende, im Guten wie im Bösen stets vergeltungsbereite Haltung die beste Voraussetzung für erfolgreiche Kooperation. Axelrod belegt dies an einer Fülle von Computer-Simulationen, die zeigen, dass  »TIT FOR TAT« sich auch gegenüber aufwendigeren Programmen durchsetzte. Er stützt seine Theorie aber auch durch empirische Befunde aus den Bereichen der Politik, der Biologie und des Wirtschaftslebens. Überzeugendstes Beispiel für den praktischen Erfolg des Theorems ist das Verhalten militärischer Gegner im Verlauf des Ersten Weltkriegs. Gestützt auf eine Reihe authentischer Berichte wird gezeigt, wie die militärische Logik des» Töten oder selbst getötet werden- ohne Absprache dem Prinzip »Leben und leben lassen- Platz machte und vor beiden Seiten in zahlreichen Varianten praktiziert wurde. Axelrod liefert jedoch nicht nur Belege für die Schlüssigkeit seiner Theorie, sondern gibt auch konkrete Vorschläge für erfolgreiches Handeln, die sich in vier Punkten zusammenfassen lassen:

  1. Sei nicht neidisch.
  2. Defektiere nicht als erster.
  3. Erwidere sowohl Kooperation als auch Defektion und
  4. Sei nicht zu raffiniert.

Da erfolgreiche Kooperation nicht auf Freundschaft gegründet sein muss, ist sie als Grundsatz politisch-ideologischer Auseinandersetzung ebenso anzustreben wie im Privaten. Voraussetzung für den Erfolg des von Axelrod beschriebenen Modells ist allerdings, dass -der Schatten der Zukunft groß genug ist«. Dies bedeutet, dass beide Seiten davon überzeugt sind, dass längerfristige Zusammenarbeit vielversprechender ist als kurzfristig Gewinne auf Kosten des Gegners. Dass sich diese Einsicht nicht zuletzt aufgrund der atomaren Bedrohung, aber auch der ökologischen und ökonomischen Probleme als Maxime vernünftigen Handelns verstärkt durchzusetzen beginnt, ist zu wünschen. Die jüngsten Vereinbarungen der Supermächte sind dafür ein konkretes, hoffnungsvolles Beispiel.  

Das Buch, in der Reihe Scientia Nova erschienen, wendet sich in erster Linie an Mathematiker und Kenner spieltheoretischer Kalküle, ist aber aufgrund seiner weitreichenden praktischen Konsequenzen auch für Politikwissenschaftler und Soziologen von Interesse.

 

Axelrod, Robert: Die Evolution der Kooperation. München: Oldenburg, 1987. 235 S.