Immer wenn von "der" Jugend die Rede ist, sollte, insbesondere seit Wiederaufnahme des Gewalt-Diskurses, größte Vorsicht geboten sein. Schon allzuviel Plakatives ist über die Jugend, jenes scheinbar so homogene gesellschaftliche Konglomerat, geschrieben worden. Tendenzen dazu sind auch im vorliegenden Buch zu finden. Im ersten Kapitel über "die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Jugendkultur" werden soziologische Analysen allzusehr verkürzt. Immer um Verständlichkeit und Anschaulichkeit bemüht, geht dies jedoch auf Kosten von notwendigen Differenzierungen. Daß es Jugendkultur(en) gibt, scheint für die Autoren Grund genug zu sein, Unterschiede zwischen Stadt und Land, Ost und West (Deutschland), Lehrlingen und Gymnasiasten etc. zu vernachlässigen.

Aufschlußreicher dann das zweite Kapitel: Auch wenn Sie einmal "Bravo" gelesen haben, sind Sie heute wahrlich kein "Hipster" mehr! In den 90ern sind Infos aus i-D, Frontpage, The Face oder Raveline News scheinbar ebenso unabdingbar wie Klamotten von Mau Mau, Gio Goi oder Stüssy. Kurzum: Hier wird eine Einführung in die bedeutendsten Facetten der Jugendkulturen der 90er Jahre gegeben, in Musik-, Mode-, Film-, Disco-, Kneipen-, Computer-, Sport-, Fernseh-, Zeitschriften- und SprachTrends.

Die Stärke des Buches liegt in eben diesen Beschreibungen - keinesfalls in der Herstellung soziologischer Zusammenhänge, was auch in Kapitel drei (über den "Wandel der Jugendkultur") festzustellen ist. Befremdendes, das also, was die einen anzieht, die anderen abstößt, ist Gegenstand des vierten Kapitels: Parallelwelten, die durch "Erlebnis-Technik" wie etwa Computer-Simulationen, extreme Sportarten, Rave oder auch Nazi-Chic möglich werden, verstehen die Autoren als "Flucht in eine überschaubare Parallelrealität". Und wie wird's weitergehen mit "der Jugend"? Janke/Niehues hoffen auf ihre "Korrektiv-Funktion", die sie seit jeher ausübt. Denn auch die Techno-Bewegung der 90er ist als Protestbewegung zu sehen, sie "konterkariert nun Entkörperlichung, Langeweile, Utilitarismus und Phantasielosigkeit". Diese Kraft der Jugend lasse alle sich heute abzeichnenden Szenarien - von Cyber-Technologien über das Erlebnis-Diktat bis hin zur Politikverdrossenheit - als ungewisse Entwicklungen erscheinen.

I. B.

Janke, Klaus; Niehues, Stefan: Echt abgedreht. Die Jugend der 90er Jahre. München: Beck, 7995. 210 S. (Beck'sche Reihe) oM/sFr 14,80/ ÖS 716