Laut Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sind weltweit über eine Milliarde Menschen ohne Arbeit oder unterbeschäftigt. Das Problem Arbeitslosigkeit trifft die hochindustrialisierten Länder des Nordens ebenso wie die an der Schwelle von der Agrargesellschaft zur Industrialisierung stehenden Länder des Südens (fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute noch von bäuerlicher Arbeit!). Setzt in den OECD-Ländern die Dritte Industrielle Revolution der Automatisierung und Informatisierung massenhaft Belegschaften frei, so treibt in der" Dritten Welt" die rapide Auflösung der traditionellen Landwirtschaft durch Mechanisierung und neue Techniken die Menschen in die Armenghettos der Städte.

Jeremy Rifkin, ein ebenso bekannter wie kritischer politischer Journalist aus den USA, hat in seinem jüngsten Buch zahlreiche Fakten zusammengetragen, um seine These von einer "arbeitslosen Zukunft" zu belegen. Von der vollautomatisierten Fabrik über das "virtuelle Büro" bis zur "programmierten Landwirtschaft" reichen die von ihm ausgeführten Beispiele. Weniger arbeiten zu müssen, könnte jedoch auch als Fortschritt gesehen werden. Und doch weist der Autor zu Recht auf die Gefahren der gegenwärtigen Entwicklung hin, wenn er vor einer neuen "weltweiten Wirtschaftskrise gigantischen Ausmaßes" warnt. "Wie in den 20er Jahren stehen wir kurz vor einer Katastrophe, aber kein Politiker scheint wahrhaben zu wollen, daß die Weltwirtschaft unausweichlich auf ein Zeitalter ohne Arbeit zusteuert und daß das weitreichende Konsequenzen für unsere Zivilisation haben wird."

Wo sieht Rifkin Auswege aus der Krise? Neben einer drastischen Kürzung der Arbeitszeiten plädiert er vor allem für den Ausbau eines "Dritten Sektors", in dem sogenannte Non-Profit-Organisationen jenseits von Markt und Staat gemeinnützige Aufgaben etwa im Sozial- und Umweltbereich erfüllen. Die Einbindung der von der "High-Tech-Welt des 21. Jahrhunderts" freigesetzten Menschen in solche gemeinschaftliche Aufgaben durch ein staatlich garantiertes Grundeinkommen sei nicht nur der einzige Weg, das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, sondern zugleich die Chance einer Humanisierung und Demokratisierung der Gesellschaften Im "postmarktwirtschaftlichen Zeitalter".

Vielleicht übertreibt der Autor an mancher Stelle, aber dies steht ihm mit Blick auf die soziale Sprengkraft, die einer drohenden Spaltung der Gesellschaften in Arbeitsplatzbesitzer und Arbeitslose innewohnt, gut an. Sozialer Friede und demokratischer Konsens werden zerstört, wenn es nicht gelingt, eine Neuordnung der sozialen Strukturen zu finden.

H. H.

Rifkin, Jeremy: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Frankfurt/M. (u.a.): Campus, 1995. 239 S., DM / sFr 34,-/ öS 265,50