Jeremy Rifkin

Der globale Green New Deal

Ausgabe: 2020 | 1

Auf Jeremy Rifkin ist Verlass. Der Bestsellerautor, Ökonom und Berater hat ein sicheres Gespür für die Themen der Zeit – was Rifkin sagt, ist Trend oder wird es. Er ist der Mann für die großen Zukunftsbilder, die großen Entwürfe, die Wendepunkte in der Entwicklung der Zivilisation markieren: „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“, „Die empathische Zivilisation“, „Die dritte industrielle Revolution“, „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“, so seine Bestseller. Und nun der Green New Deal. Ursprünglich wurde die Idee von Thomas Friedman formuliert, 2007 war das, und hat seither einige Unterstützung erfahren. Aber Rifkin wäre nicht Rifkin, wenn er es dabei belassen würde, einen vorliegenden Gedanken auszuführen. Natürlich wird bei ihm der Green New Deal zum Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte, zum Aufbruch in eine (nun endlich) nicht-fossile Form des Wirtschaftens. Jedoch ist sein Green New Deal kein bewusst in Gang gesetztes politisches Programm (ganz anders übrigens als in Naomi Kleins kürzlich erschienenem Buch zum selben Thema). Rifkin denkt von der Ökonomie her. Bei dem kommenden Umbruch handele es sich „weitgehend um eine Äußerung des Marktes“ (S. 27). Die Politik werde dem Markt folgen oder die Konsequenzen tragen müssen. Rifkins entscheidende Vorhersage lautet: „Während der nächsten acht Jahre werden Solar- und Windstrom bei Weitem billiger werden als Energie aus fossilen Trägern, was zwangsläufig zu einem Showdown mit dem fossilen Energiesektor führen wird.“ (S. 26) Die Folge: gestrandete Anlagewerte in Höhe von 100 Billionen US-Dollar. Also investiertes Kapital, das man nicht mehr wird ausbezahlen können. Verbrannte Werte. Rifkin schreibt: „Die Kohlenstoffblase verspricht die größte ökonomische Blase aller Zeiten zu werden.“ (S. 26) Das ist die kommende, die große Disruption. Laut Rifkin hat sie bereits begonnen. Mit der Energiewende in Europa. In China. Und weltweit mit dem Rückzug institutioneller Investoren aus den fossilen Energien.

Politische Entscheidungen kommen in Rifkins Konzeption des Green New Deal nur im Sinne einer Rahmensetzung vor – so wie der Beschluss der Europäischen Union von 2007, die Wirtschaft in eine postfossile Zukunft zu führen, die Marktentwicklung in Richtung regenerative Energien erst freigesetzt hat. Dennoch bestehen Märkte aus Akteuren, die Marktsignalen folgen und mit ihren Entscheidungen die Entwicklung in die eine oder andere Richtung treiben. Die entscheidenden Akteure der Disruption des Energiesektors sind für Rifkin die Pensionskassen. In den 1970er-Jahren hat der Ökonom sich bereits mit diesen Fonds beschäftigt, die die angesparten Ruhestandsgelder der abhängig Beschäftigten verwalten, und heute knüpft er an seine damalige Arbeit an.

Heute verfügen die Pensionskassen mit einem Kapitalstock in Höhe von 41 Billionen US-Dollar über eine immense Marktmacht – sie sind der „größte Investmentpool der Welt“ (S. 165). Und diese Pensionskassen sind es Rifkins Beobachtung zufolge vor allem, die die Absetzbewegung vom fossilen Investment anführen. Es seien die öffentlichen Pensionskassen von Städten, Bundesstaaten und Nationen, „die vornewegpreschen“ und mit ihrem nachhaltig ausgerichteten Investment die Marktgewichte verschieben (S. 178). Das Kapital der Arbeiterschaft würde so zum wichtigsten Treiber der Disruption des Energiesektors. Für den visionären Denker Rifkin markiert dies das „Mündigwerden des Sozialkapitalismus“ (S. 191). Es entstehe eine „ganz neue Art von Kapitalismus, bei der soziales Engagement ins Geschäftsmodell integriert ist“ (S. 228).

Und Rifkin denkt noch ein Stück weiter. Politische Entscheidungen oder soziale Bewegungen kommen in seinem Deal-Konzept wie gesagt nicht vor. Aber er betont auch, dass es „einer weit kollektiveren Reaktion“ des gesamten Gemeinwesens auf jeder Ebene von Staat und Zivilgesellschaft und letztlich des Engagements jedes Einzelnen bedürfe, um eine neue ökologische Zivilisation aufzubauen (S. 256). Denn die existenzielle Größenordnung der Klimakrise übersteige alles, womit die Menschheit sich bislang konfrontiert sah, so Rifkin. Seine Ahnung geht dann auch weiter, über den notwendigen Green New Deal hinaus: „Es herrscht das Gefühl, dass sich da etwas weit Größeres entfaltet, was nicht nur die Weltwirtschaft betrifft, sondern unsere Lebensweise und unser Verständnis von der Welt, in der wir leben – ganz zu schweigen vom Verlass auf eine Zukunft, die uns bislang selbstverständlich schien.“ (S. 153) Die eigentliche Vision bezieht sich auf einen fundamentalen Wandel im menschlichen Bewusstsein: In der Frage des Klimawandels beginne die Menschheit „zum ersten Mal als Spezies zu denken“.