Es ist ein ambitioniertes und verdienstvolles Unterfangen, der Komplexität des Weltgeschehens und der absehbaren Entwicklungen so zu begegnen, wie es der bereits sechste „Atlas zur Lage der Welt“ tut: 40 doppelseitige, mehrfarbige Weltkarten bieten, jeweils ergänzt durch Diagramme, Grafiken und knappe schriftliche Kommentare, einen kompakten und zugleich informativen Einblick in Schlüsselsektoren der globalen Entwicklung.

Teil 1 „Der Mensch“ informiert etwa über Bevölkerung(swachstum), Lebenserwartung, Ernährung, Altersstrukturen und, besonders hervorzuheben, die materielle Ungleichheit weltweit: So erreicht der Einkommensunterschied der jeweils 20 Prozent Ärmsten bzw. Reichen in Ägypten oder Sri Lanka nur den Faktor 5, während er in Brasilien, Kenia oder Venezuela bei 20 liegt. Dass das Vermögen, über das die 225 Reichsten der Welt verfügen dem gesamten Jahreseinkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung entspricht, sei an dieser Stelle kommentarlos registriert. Unter „Lebensqualität“ wird u. a. auf die Selbstmordrate ausgewählter OECD-Staaten verwiesen. Hier liegt Litauen mit einer Quote von 95 an der Spitze, Österreich bei 45, während das „Entwicklungsland“ Aserbaidschan nur 2 Selbstmorde pro 100.000 Einw. und Jahr ausweist. Erhöht Armut demnach die Lebensqualität, macht sie gar glücklich?

Teil 2 beleuchtet Aspekte der Weltwirtschaft (die Entwicklung der Weltmärkte, die Gewichtung von Handel und Industrie ‑ innerhalb der „Triade“ (USA, EU und Japan) fließt mehr als 85 Prozent des Gesamtvolumens (!) ‑ , die Wachstumsbranche Tourismus, Kapitalflüsse und Schuldenlasten. Dem Thema „Arbeit“ ist Teil 3 gewidmet: Während, um den Aspekt der Arbeitsplätze exemplarisch hervorzuheben, in Nepal an die 94% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig sind, sind die Bahamas mit einem Anteil von 79 % Spitzenreiter im Dienstleistungssektor. Abschnitt 4 informiert u. a. über Militärausgaben, Aufwendungen für internationale Friedenseinsätze ‑ die Fidschi Inseln, Ghana und Nigeria sind hier prozentual am stärksten engagiert ‑ Flüchtlingsströme und Menschenrechte. Teil 5, „Gesellschaft“, versammelt nicht weniger als 10, eher beliebig zusammengestellte Bereiche (von Ethnischer Vielfalt und Alphabetisierung über „Körperpolitik“ (Verhütung und Schwangerschaften) und Religion bis hin zu Gesundheitsrisiken, Tabakverbrauch (China ist mit 31% des Gesamtverbrauchs einsame Spitze) sowie Medien und Kommunikation (im Jahr 1998 waren bereits 877 von je 1000 Finnen, aber erst zwei Afrikaner „On-Line“).

Die abschließende Rubrik „Die Welt erhalten“ bietet ebenfalls Divergierendes. Unterrichtet wird über das anhaltende Wachstum der Städte (um 2025 wird Bombay die 25 Mio.-Marke überschritten haben), den (Individual)Verkehr, den Wirtschaftsfaktor Nahrung (der Marktwert genmanipulierter Produkte ist zwischen 1995 und 1998 um das 20-fache von 47 auf 940 Mio. Brit. Pfund angewachsen), den Energieverbrauch (alleine die USA konsumieren 27% des Weltbedarfs), die globale Erwärmung und das Problem „Artenvielfalt“: 34% der Fische, 25% der Säugetiere, 20% der Reptilien, 25 % der Amphibien und 11% der Vögel sind vom Aussterben bedroht.

Alles in allem eine wenig ermutigende Bilanz. So informativ bzw. empfehlenswert die hier verfügbaren Fakten (ergänzt durch eine Staatenstatistik mit 9 ausgewählten Parametern von Größe und Bevölkerungskennziffern bis hin zu Telefonanschlüssen) für Statistiker oder (Schul)Bibliotheken auch sein mögen: Betroffenheit stellt sich nur bedingt ein, denn die hinter „nackten Zahlen“ sich verbergenden Schicksale bleiben ausgeblendet. W. Sp.

 

Der Fischer Atlas zur Lage der Welt. Fakten, Trends, Zusammenhänge. Hrsg. v. Dan Smith. Frankfurt/M.: Fischer TB-Verl., 2000. 144 S., DM 25,- / sFr / öS 183,-