Thich Nhat Hanh, ein buddhistischer, kontemplativer Mönch aus Südvietnam wurde im christlichen Norden seit dem Anfang der 60er Jahre als Meditationsmeister - mit Wurzeln u. a im Zen-Buddhismus - und als Partner des Dialogs der Religionen bekannt. Seine „Kunst des achtsamen Lebens“ („mindfulness“) legt Wert auf eine Konzentration auf das „Jetzt“ und das bewusste Wahrnehmen alltäglicher Dinge und Tätigkeiten (atmen, gehen, essen, arbeiten...). Dies sollte nicht missverstanden werden als Plädoyer für einen Individualismus westlicher Prägung, denn genauso wesentlich ist für ihn das Gemeinschaftsleben - in einem südfranzösischen Dorf Plum-Village - und das gesellschaftspolitische Engagement in dem von ihm seit den 50er Jahren mit aufgebauten internationalen Netzwerk der „Engagierten Buddhisten“ (an dem sich u. a. auch der Dalai Lama, der Thailänder Sulak Sivaraksa und Partner in Nordamerika - wie Joanna Macy - und in Europa beteiligen). Diese ganzheitliche Sicht inspirierte auch buddhistisch-christliche Experten in alternativer Ökonomie, deren Ziel es ist, sich nicht allein mit einer materialistisch-fiskalischen Kritik an den globalisierenden Machtverhältnissen zu Wort zu melden, sondern auch die Alternativen in spirituell fundierten Gemeinschaften zu leben. (Die Originalausgaben ihrer Publikationen erscheinen vielfach im kalifornischen Parallax Verlag.)

Mit diesen Vorinformationen werden Thich Nhat Hanhs autobiographischen Notizen aus den Jahren 1962 bis 1966 verständlicher, die einerseits seitenlang minutiös und achtsam seine Erfahrungen und Gefühle in den USA, und ab 1964 in Südvietnam schildern: Die materielle und geistige Not in den amerikanischen Slums und den vietnamesischen Dörfern, verursacht v. a. auch durch Politik und Kirchenführung, die sich, da wie dort, zu sehr auf ihre partikulären Machtinteressen konzentrierte(n) und für das „gegenseitige Durchdrungensein“ („interbeing“) kein Verständnis aufbrachte(n). „Amerikaner setzen ihr Vertrauen in statistische Daten und technische Projekte, aber ihre Methoden haben hier keine Aussicht auf Erfolg. Das, was in unseren Dörfern Erfolg versprechend ist, unterscheidet sich völlig von dem, was westliche Universitäten lehren. Diese berufen sich auf wissenschaftliche Untersuchungen, Abhandlungen und Statistiken, um die Geldmittel zu rechtfertigen, die in hierzulande wenig aussichtsreiche Projekte gesteckt werden. Spirituell offene Menschen, die den Lauf der Geschichte überblicken, erkennen [hingegen)den Wert der Vernunft und des Dialogs...“(S. 154f.).

Die Mönchsgemeinschaften im Dschungel Vietnams (darunter Phuong Boi – „Duftende Palmenblätter“), die sich etwa nicht nur für eine soziale Aufbauarbeit von Dörfern engagierten, sondern auch die politischen Zustände gewaltfrei radikal ändern wollten, wurden damit auch zu einem soziopolitischen Gegenmodell. Als Konsequenz daraus gerieten sie im Vietnamkrieg zwischen alle Fronten, verfolgt vom CIA und Vietkong. Auch ihre Dorfprojekte gingen unter dem Bombenhagel in Flammen auf (und einige wenige Mönche protestierten gegen den Geno- und Ökozid sogar mit „Selbstverbrennung“). Schließlich blieb Thich Nhat Hanh und einigen seiner Mitbrüdern und -schwestern nur noch die Emigration (und den „Führern“ wird sogar noch heute die Rückkehr in ihre Heimat verweigert). Sie machten aus der Not eine Tugend und vermitteln sie - in Vorträgen, Seminaren, Publikationen, aber auch über Internet - als sozial engagierten Buddhismus mit „compassion“ weiter. M. Rei.

Thich, Nhat Hanh: Der Duft von Palmenblättern. Erinnerungen an schicksalhafte Jahre. Freiburg (u. a.): Herder, 2000. 219 S., DM 38,- / sFr 35,- / öS 277,-