Rat, Hilfe und Orientierung zu geben scheint heute trotz einer Fülle einschlägiger Angebote zunehmend schwierig. Dieser Band, eine dem Sozialethiker Johannes Hoffmann zum 70. Geburtstag gewidmete Festschrift, versammelt Beiträge, die aus verschiedener Perspektive Traditionen und Herausforderungen einer menschenfreundlichen Ethik nachspüren. Eine Auswahl der Beiträge sei an dieser Stelle vorgestellt.

 

Dass die Religionswissenschaft Anregungen zu einer Neuorientierung der Wirtschaftsethik bieten kann, macht einleitend Franz Josef Steinbach deutlich, indem er auf Schuldenerlass und Sklavenbefreiung des im Rhythmus von sieben Jahren wiederkehrenden „Jobeljahr“ im alten Israel verweist. Mitherausgeber Christian Beck beschäftigt sich mit „Reue“, die er nicht nur als Problem der theologischen Ethik begreift, sondern die auch im Kontext Nachhaltiger Entwicklung ihren Platz habe. „Es gilt“, so der Autor, „die Logik des unendlichen Wachstums zu durchbrechen und Profit von der menschenwürdigen und menschenrettenden Logik neu zu definieren. Der Mehrwert von Welt ist in einem begrenzten Raume wie dem Planeten Erde nur durch einen normativ-regulierten Mit-Wert zu erreichen“ (S. 35). Beck plädiert für eine stärkere Etablierung der theologischen Ethik in der Alltagspraxis, um die Menschen in der Postmoderne „pädagogisch an die Scham neu heranzuführen und zur Nachdenklichkeit zu bringen“, und um sie beratend zu begleiten. (S. 37). „Zurück aus dem Jenseits“, betitelt Mitherausgeber und Verleger Wolfgang Fischer seine Überlegungen zur Bedeutung der Katholischen Soziallehre. Er verweist auf die 1997 vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz vorgelegte Schrift „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“, würdigt die Bedeutung der drei großen Sozialenzykliken von Johannes Paul II und gelangt zu dem Ergebnis, dass „die Soziallehre der Kirche kein unmodernes Konstrukt vergangener Zeiten, sondern höchst aktuell ist“ (S. 62).

 

Neben den Reflexionen zur „Balance von Haben und Sein“ (Gerhard Scherhorn) verdienen die Überlegungen von Simeon Ries über „Produktivität, Profit und Partnerschaft“ Beachtung. Mit dem Blick auf kulturelle Differenzen in der Abwicklung von Wirtschaftskooperationen – exemplarisch dargestellt anhand kultureller Differenzen zwischen Japan und Frankreich (etwa in Bezug auf Argumentation, Kommunikation und Organisation) – wird für „interkulturelles Management“ geworben. Im Prozess der Globalisierung sei es wichtig, von einander zu lernen und dabei nicht die eigenen Werte über jene des „Gegenübers“ zu stellen. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit Korruption (in eigenem Interesse, so Franziska Jahn, müsste die Wirtschaft ihr entgegenwirken), den Möglichkeiten nachhaltiger Geldanlage (Klaus Gabriel) sowie dem Interesse von KundInnen an CSR-Aktivitäten. Lucia A. Reich kommt in  ihrem Beitrag (dem ersten von insgesamt drei in englischer Sprache) zu dem Ergebnis, dass stakeholder und shareholder auf einschlägige Firmen-Aktivitäten höchst unterschiedlich reagieren, plädiert aber um so mehr für „a fully intergrated, thorough and highly credible, internal and external CSR communication strategy.“ (S. 148). Aus der Sicht des Franziskanerordens denkt Helmut Schlegel über Ethik und Investment nach und berichtet von der die Gründung der „Bank für Orden und Mission“ (BfOM) im Jahr 2003, deren Aktivitäten sich maßgeblich an dem „Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden“ für ethisches Investment orientiert (an dessen Ausarbeitung Johannes Hoffmann entscheidend beigetragen hat). Ein ähnliches Thema beleuchtet der nachfolgende Beitrag über die Bedeutung von „Nachhaltigkeitsratings als Impulsgeber des Nachhaltigen Investments“, ehe – und das ist gleichermaßen ungewöhnlich wie erfreulich – zwei Texte afrikanische Perspektiven einbringen: Obiora F. Ike macht einleitend mit dem „Fulani“-Mythos als Zeichen der Hoffnung für Afrika bekannt, reflektiert die desaströse Rolle der europäischen Kolonialisierung und der katholischen Kirche für die Entwicklung des Kontinents und fordert eine solidarische Kooperation mit Afrika. Mit entscheidend sei es, die Schuldenfrage neu zu beleuchten. Afrikanische Völker so der Autor zusammenfassend, mögen zwar als physisch arm gelten, sie seien aber nicht lebensunfähig, sondern wüssten (weit mehr als der „wohlhabende Westen“) zu lachen und zu feiern. Die Grundlage für eine „afrikanische Renaissance“ sei eine tief verwurzelte „Hoffnung, die auf guten Werken“ begründet (S. 184). Auch im nächsten Text wird dem Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Entwicklung aus afrikanischer Perspektive nachgegangen. N. Nnoli-Edozien plädiert für eine Neudefinition beider Termini aus: Unternehmensinteressen müssten vorrangig nachhaltig ausgerichtet sein und vor allem auch die Bevölkerung einbinden.

 

Gedanken zu Sündenfall, Kreuzestod und Menschwerdung (Claudia Döpfner) sowie abschließend „Notizen aus dem Leben“ - Maria Hoffmann erzählt vom Leben an der Seite ihres Mannes - runden den Band ab. Durchaus ungewöhnlich hinsichtlich der Breite der behandelten Themen, bietet er manch überraschende Einsicht und Anregung über Möglichkeiten einer menschenfreundlichen Ethik weiter nachzudenken. Auch wenn man Hinweise zu den Autorinnen leider vergeblich sucht, so ist doch die Courage zur Publikation wie dieser zu würdigen. W. Sp.

 

Damit alle leben können. Plädoyers für eine menschenfreundliche Ethik. Christian Beck (…): Altius-Verl., 2008. 215 S. € 24,90 [D], 25,50 [A] sFr 43,60

 

ISBN 978-3-932483-16-5